Welcher Persönlichkeitstyp ist der seltenste?
Der Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI) teilt die Persönlichkeit in 16 Typen ein, die vier Präferenzen kombinieren. Von allen Kombinationen ist der INFJ (Introversion, Intuition, Fühlen und Urteilen) in der Referenzstichprobe des Instruments die seltenste.
In der populären Literatur trägt er je nach Schule verschiedene Beinamen: David Keirsey nannte ihn Berater (Counselor) innerhalb seines idealistischen Temperaments (Keirsey, 1998), und die Website 16personalities nennt ihn Advokat. Keiner der beiden Namen gehört zum offiziellen MBTI, der nur die Buchstaben verwendet.
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Die Zahlen: woher die 1,5 % kommen
- Gesamtanteil: Der INFJ macht etwa 1,5 % der landesweiten US-Stichprobe aus dem Handbuch von 1998 aus (Myers, McCaulley, Quenk und Hammer, 1998; N = 3.009), der niedrigste Wert der sechzehn Profile.
- Nach Geschlecht: rund 1,3 % unter Männern und 1,6 % unter Frauen. Er ist einer der wenigen Typen, die bei beiden Geschlechtern fast gleich selten sind.
- Zum Vergleich: Das häufigste Profil unter Frauen ist der ISFJ (19,4 %), unter Männern der ISTJ (16,4 %).
Eine Feinheit verändert die Antwort je nachdem, wie man die Frage stellt. Trennt man nach Geschlecht, gibt es noch seltenere Gruppen: INTJ-Frauen machen etwa 0,8 % der weiblichen Bevölkerung aus, ENTJ-Frauen 0,9 %. Der INFJ ist insgesamt der seltenste Typ; die INTJ-Frau ist die seltenste Untergruppe.
Man sollte sich auch vor Augen halten, was diese Stichprobe ist: eine Schätzung aus den USA vom Ende der Neunzigerjahre. Zahlen aus anderen Ländern oder aus Onlinetests mit freiwillig teilnehmenden Menschen können anders ausfallen. Die vollständige Tabelle steht im Artikel über die Bevölkerungsanteile nach Typ.
Warum der Wert so niedrig ist: eine einfache Rechnung
Wären die vier Präferenzen voneinander unabhängig, müsste man nur ihre Anteile multiplizieren. Mit den Daten des Handbuchs (50,7 % Introversion, 26,7 % Intuition, 59,8 % Fühlen und 54,1 % Urteilen) läge der INFJ bei etwa 4,4 %. Tatsächlich sind es 1,5 %, rund dreimal weniger.
Der Unterschied zeigt, dass sich die Präferenzen nicht zufällig verteilen: Die Intuition tritt häufiger zusammen mit dem Wahrnehmen auf als mit dem Urteilen. Die vier NJ-Typen (INFJ, INTJ, ENFJ und ENTJ) kommen zusammen auf weniger als 8 % der Stichprobe, obwohl sie nach reiner Multiplikation über 14 % liegen müssten.
Die Forschung zum Fünf-Faktoren-Modell bietet einen Rahmen, um das zu deuten. McCrae und Costa (1989) fanden, dass die S-N-Skala des MBTI vor allem der Offenheit für Erfahrungen entspricht (Korrelation von 0,72 mit der Intuition) und die J-P-Skala der Gewissenhaftigkeit (der Urteilen-Pol ist der organisiertere). So betrachtet beschreibt der INFJ jemanden mit viel Offenheit und zugleich einer klaren Vorliebe für Ordnung: eine mögliche und wertvolle Mischung, die in den Daten aber seltener vorkommt, als es die Wahrscheinlichkeiten vorhersagen.
Wie der INFJ innerlich funktioniert
Nach der Funktionshierarchie des Modells (Myers und McCaulley, 1985) ist der INFJ so geordnet:
- Dominant, introvertierte Intuition: verarbeitet Informationen nach innen und sucht eher nach Mustern und Bedeutungen als nach einzelnen Daten.
- Hilfsfunktion, extravertiertes Fühlen: trägt seine Entscheidungen nach außen und achtet auf Werte und auf die Harmonie zwischen Menschen.
- Tertiär, Denken: eine verfügbare, aber weniger bequeme logische Analyse.
- Minderwertig, extravertierte Sinneswahrnehmung: die Aufmerksamkeit für konkrete Details der Umgebung. Quenk (2002) beschreibt, wie diese Funktion unter Stress oder Müdigkeit übertrieben auftreten kann, etwa als ungewöhnliche Aufmerksamkeit für Sinnesdetails oder als impulsives Verhalten, das untypisch für den Typ ist.
Das Besondere ist die Verbindung einer sehr nach innen gerichteten Wahrnehmung mit einer auf Abschluss ausgerichteten Art zu entscheiden. Die meisten intuitiven und introvertierten Profile, wie der INFP oder der INTP, bevorzugen das Wahrnehmen und halten Schlussfolgerungen länger offen. Der INFJ dagegen neigt dazu, seine Intuitionen in Pläne zu verwandeln und sie mit Ausdauer zu verfolgen.
Was Seltenheit nicht bedeutet
Selten in einer Stichprobe zu sein, macht einen Typ weder besser noch tiefgründiger oder intelligenter. Es erklärt für sich genommen auch nicht, wie sich jemand fühlt: Das Gefühl, „anders zu sein“, das INFJs oft zugeschrieben wird, ist eine Idee der populären Literatur, kein Forschungsergebnis.
Zudem erbt die Zahl die Grenzen des Instruments selbst. Ein beträchtlicher Teil der Menschen erhält bei einer Wiederholung des Fragebogens wenige Wochen später einen anderen Typ, vor allem wenn eine Skala nahe am Trennwert liegt (Pittenger, 2005), und das betrifft Typen mit kleinen Anteilen stärker. Typbeschreibungen spiegeln allgemeine Ausrichtungen der normalen Persönlichkeit wider und ersetzen keine fachliche psychologische Diagnostik.
Quellen
- Keirsey, D. (1998). Please Understand Me II: Temperament, Character, Intelligence. Prometheus Nemesis.
- McCrae, R. R. und Costa, P. T. (1989). Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator from the perspective of the five-factor model of personality. Journal of Personality, 57(1), 17-40.
- Myers, I. B. und McCaulley, M. H. (1985). Manual: A guide to the development and use of the Myers-Briggs Type Indicator. Consulting Psychologists Press.
- Myers, I. B., McCaulley, M. H., Quenk, N. L. und Hammer, A. L. (1998). MBTI Manual: A guide to the development and use of the Myers-Briggs Type Indicator (3. Aufl.). Consulting Psychologists Press.
- Pittenger, D. J. (2005). Cautionary comments regarding the Myers-Briggs Type Indicator. Consulting Psychology Journal: Practice and Research, 57(3), 210-221.
- Quenk, N. L. (2002). Was That Really Me? How Everyday Stress Brings Out Our Hidden Personality. Davies-Black.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist der seltenste MBTI-Typ?
Der INFJ, der etwa 1,5 % der landesweiten US-Stichprobe aus dem MBTI-Handbuch (1998) ausmacht. Keirsey nennt ihn Berater, die Website 16personalities Advokat; keiner der beiden Beinamen stammt aus dem offiziellen MBTI.
Warum ist der INFJ so selten?
Die Daten beschreiben seine Häufigkeit, nicht ihre Ursache. Beobachten lässt sich aber, dass die Intuition (N) öfter zusammen mit dem Wahrnehmen (P) auftritt als mit dem Urteilen (J): Die vier NJ-Typen machen zusammen weniger als 8 % der Stichprobe aus.
Worin unterscheidet sich der INFJ von anderen intuitiven Typen wie INFP oder INTP?
Letztere bevorzugen das Wahrnehmen, was sie flexibel und ohne Eile zum Abschluss macht; der INFJ hingegen setzt fast beharrliche Zähigkeit ein, um seine Visionen zu verwirklichen.
Gibt es eine Gruppe, die noch seltener ist als der INFJ?
Ja, wenn man nach Geschlecht trennt. In derselben Stichprobe machen INTJ-Frauen etwa 0,8 % der weiblichen Bevölkerung aus und ENTJ-Frauen 0,9 %, also weniger als die 1,5 % des INFJ insgesamt.