Personaramic
Lernstil

Aphantasie: Wenn man die Augen schließt und absolut nichts sieht

Von der Personaramic-Redaktion6 Min. Lesezeit
Minimalistische organische Illustration eines geschlossenen Auges als Bogen mit Wimpern neben einem leeren Bilderrahmen

Wenn du die Augen schließt und an den Frühstückstisch von heute Morgen denkst: Siehst du die Tasse, die Farbe der Tischdecke, das Licht vom Fenster? Bei zwei bis vier von hundert Menschen lautet die Antwort Nein. Sie sehen gar nichts: Sie haben Aphantasie. Und viele merken das erst als Erwachsene, fast zufällig.

Den Begriff, der das Fehlen (oder fast völlige Fehlen) willentlicher innerer Bilder bezeichnet, gibt es seit 2015. Die Geschichte beginnt aber viel früher, mit einem Fragebogen über das Frühstück.

Der Frühstückstisch-Fragebogen

1880 verschickte der britische Naturforscher Francis Galton einen Fragebogen an angesehene Wissenschaftler.

Die Bitte war einfach: an den Frühstückstisch des Morgens denken und das innere Bild nach drei Kriterien bewerten:

  • Helligkeit: Ist das Bild trüb oder recht klar?
  • Schärfe: Sind alle Gegenstände zugleich gut erkennbar?
  • Farbe: Wirken die Farben natürlich?

William James gibt Galtons Überraschung in seinen Principles of Psychology (1890) wieder. Sinngemäß schrieb Galton: Zu seinem Erstaunen hätten die meisten Wissenschaftler, die er zuerst befragte, beteuert, innere Bilder seien ihnen unbekannt.

Sie hielten „Vorstellungsbild“ für eine bloße Redewendung. Galton verglich sie mit einem Farbenblinden, der seinen Mangel nie bemerkt hat: Ihnen fehlte etwas, und sie konnten es nicht wissen.

Wie sich Aphantasie von innen anfühlt

Die beste Beschreibung aus jener Zeit liefert James selbst, der Galtons Fragen auf eigene Faust wiederholte. Er zitiert im Kapitel über die Vorstellungskraft zwei Cousins, Enkel eines bekannten Wissenschaftlers.

  • Der eine sah den Frühstückstisch „zugleich trüb und hell“ und konnte auswendig gelernte Verse später von einer inneren Buchseite ablesen.
  • Der andere schrieb, er sehe nichts im Detail. Die Stühle könne er unmöglich zählen, er wisse nur zufällig, dass es zehn seien.

Das ist der Kern: Wissen ist nicht dasselbe wie Sehen.

Menschen mit Aphantasie erinnern sich, was auf dem Tisch stand. Was fehlt, ist der Film.

James fasste es so zusammen:

Manche Menschen haben zweifellos keine visuellen Bilder, die diesen Namen verdienen. Statt ihren Frühstückstisch zu sehen, sagen sie, sie erinnerten sich daran oder wüssten, was darauf stand.

William James, Principles of Psychology

Das Bemerkenswerte: James sprach auch über sich selbst.

In einer Fußnote gesteht er, ein äußerst schlechter Visualisierer zu sein. An anderer Stelle schreibt er, er könne sich kaum einen einzigen Buchstaben bildlich vorstellen: Er müsse dessen Umriss mit dem „inneren Auge” nachfahren, damit er überhaupt Konturen bekomme.

Dabei zeichnete er gut und interessierte sich leidenschaftlich für Malerei und Architektur.

Galton hatte Ähnliches beobachtet: Menschen ohne innere Bilder beschrieben Szenen lebendig und konnten sogar Maler vom Rang eines Mitglieds der Royal Academy werden.

Visuelle Vorstellungskraft und visuelles Talent sind nicht dasselbe.

Der Kaufmann, der seine inneren Bilder verlor

James widmet mehrere Seiten einem Fall, den Jean-Martin Charcot 1883 veröffentlichte.

Herr X war ein in Wien geborener Kaufmann mit einem außergewöhnlichen visuellen Gedächtnis: Er las Homer vom Blatt und konnte Verse aufsagen, als läse er sie von einer inneren Seite.

Nach Beginn seiner Erkrankung verschwanden alle inneren Bilder:

  • Er konnte sich die Gesichter von Frau und Kindern nicht mehr vorstellen.
  • Einmal sprach er sein Spiegelbild an, weil er es für einen Fremden hielt.
  • Er träumte nicht mehr in Bildern, sondern nur noch in Worten.
  • Um etwas auswendig zu lernen, musste er es mehrmals laut lesen.

Heute spräche man von erworbener Aphantasie, im Unterschied zur angeborenen. Und die moderne Geschichte des Begriffs beginnt mit einem sehr ähnlichen Fall.

Wie das Wort entstand: vom Patienten MX zu Cortex

2010 veröffentlichten der Neurologe Adam Zeman und sein Team in Neuropsychologia den Fall eines Patienten namens MX, der plötzlich die Fähigkeit verloren hatte, visuelle Bilder zu erzeugen.

Die Überraschung: MX löste Standardtests zu Wahrnehmung, Vorstellung und visuellem Gedächtnis ganz normal.

Im fMRT zeigte sein Gehirn beim Vorstellungsversuch weniger Aktivität in hinteren und mehr in vorderen Regionen als bei Kontrollpersonen. Offenbar kam er auf anderem Weg zum Ziel.

Nachdem der Wissenschaftsjournalist Carl Zimmer über den Fall berichtet hatte, meldeten sich über zwanzig Menschen bei Zeman. Sie hatten nie innere Bilder gehabt.

2015 beschrieben Zeman, Dewar und Della Sala diese Fälle in Cortex und schlugen einen Namen vor: Aphantasie, vom griechischen phantasia (Vorstellung) mit verneinendem a-.

Ein Jahr später, 2016, veröffentlichte Firefox-Mitentwickler Blake Ross einen viel geteilten Essay: Mit 30 hatte er begriffen, dass andere Menschen beim Augenschließen tatsächlich etwas „sehen”.

Wie häufig ist Aphantasie?

Die aktuellen Zahlen sind klein, aber nicht winzig:

  • Dance, Ipser und Simner (2022) untersuchten 1.004 Personen: 3,9 Prozent hatten keine oder nur sehr schwache Bilder, 0,8 Prozent überhaupt keine.
  • Am anderen Ende steht die Hyperphantasie: Bilder, so lebhaft, dass sie fast mit der Wahrnehmung konkurrieren.
  • Zeman et al. (2020) werteten Fragebögen von rund 2.000 Menschen mit Aphantasie und 200 mit Hyperphantasie aus.
  • Aphantasie ging häufiger mit naturwissenschaftlichen und mathematischen Berufen sowie mit Schwierigkeiten beim Erkennen von Gesichtern und beim autobiografischen Gedächtnis einher, Hyperphantasie mit kreativen Berufen.

Und beim Lernen? Der visuelle Lernstil meint das Lernen mit äußerem Material, nicht das Sehen innerer Bilder.

Was Galton richtig sah und was nicht

Im Großen lag Galton richtig: Das innere Erleben unterscheidet sich enorm von Mensch zu Mensch, und kaum jemand ahnt es.

Seine zentrale These aber, Wissenschaftler hätten schwächere Vorstellungsbilder, hielt nicht.

  • Brewer und Schommer-Aikins (2006) wiederholten seine Studie mit heutigen Wissenschaftlern und fanden niemanden ganz ohne visuelle Vorstellung.
  • Selbst Galtons eigene veröffentlichte Daten stützten seine Behauptung nicht. Einige sehr auffällige Antworten hatten sein Urteil geprägt.

Eine Pointe bleibt: Zemans Daten von 2020 verbinden Aphantasie durchaus mit naturwissenschaftlichen Berufen. Der Zusammenhang ist also offen, nur nicht so, wie Galton ihn formulierte.

Gibt es einen Aphantasie-Test?

Das Referenzinstrument ist der VVIQ von David Marks (1973), ein direkter Nachfahre von Galtons Fragebogen: 16 Szenen, die man sich vorstellt und nach Lebhaftigkeit bewertet.

Die Aphantasie-Tests im Netz beruhen meist darauf, sind aber Selbstauskünfte zur Orientierung, keine Diagnose.

Und die Forschung betont immer wieder: Aphantasie ist keine Krankheit. Sie ist eine andere Art zu denken, für die ein so plastisches Gehirn wie unseres eigene Wege findet. Der Lernstil-Test zeigt dir dein eigenes Muster, unabhängig davon, ob du innere Bilder hast oder nicht.

Quellen

  • Brewer, W. F., & Schommer-Aikins, M. (2006). Scientists are not deficient in mental imagery: Galton revised. Review of General Psychology, 10(2), 130-146.
  • Dance, C. J., Ipser, A., & Simner, J. (2022). The prevalence of aphantasia (imagery weakness) in the general population. Consciousness and Cognition, 97, 103243. https://doi.org/10.1016/j.concog.2021.103243
  • Galton, F. (1880). Statistics of mental imagery. Mind, 5(19), 301-318.
  • James, W. (1890). The Principles of Psychology. Henry Holt and Company.
  • Marks, D. F. (1973). Visual imagery differences in the recall of pictures. British Journal of Psychology, 64(1), 17-24.
  • Zeman, A. Z. J., Della Sala, S., Torrens, L. A., Gountouna, V. E., McGonigle, D. J., & Logie, R. H. (2010). Loss of imagery phenomenology with intact visuo-spatial task performance: A case of ‘blind imagination’. Neuropsychologia, 48(1), 145-155.
  • Zeman, A., Dewar, M., & Della Sala, S. (2015). Lives without imagery: Congenital aphantasia. Cortex, 73, 378-380. https://doi.org/10.1016/j.cortex.2015.05.019
  • Zeman, A., Milton, F., Della Sala, S., Dewar, M., Frayling, T., Gaddum, J., et al. (2020). Phantasia: The psychological significance of lifelong visual imagery vividness extremes. Cortex, 130, 426-440.

Möchtest du mehr über dich erfahren?

Entdecke dein Ergebnis mit einem unserer verwandten Tests.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Aphantasie?

Aphantasie bezeichnet die fehlende oder stark eingeschränkte Fähigkeit, willentlich visuelle Vorstellungsbilder zu erzeugen. Betroffene wissen, wie ein Strand oder das Gesicht der eigenen Mutter aussieht, aber wenn sie es sich mit geschlossenen Augen vorstellen wollen, erscheint kein Bild. Den Begriff schlugen Adam Zeman, Michaela Dewar und Sergio Della Sala 2015 in der Fachzeitschrift Cortex vor.

Wie häufig ist Aphantasie?

Die Schätzungen liegen bei etwa 2 bis 4 Prozent der Bevölkerung. In einer Studie mit 1.004 Personen fanden Dance, Ipser und Simner (2022), dass 3,9 Prozent keine oder nur sehr schwache Vorstellungsbilder hatten und 0,8 Prozent überhaupt keine.

Gibt es einen zuverlässigen Aphantasie-Test?

In der Forschung wird vor allem der Vividness of Visual Imagery Questionnaire (VVIQ) von David Marks (1973) verwendet: Man stellt sich Szenen vor und bewertet, wie lebhaft sie sind. Die meisten Aphantasie-Tests im Internet beruhen darauf, sind aber Selbstauskünfte zur Orientierung, keine Diagnose und kein Ersatz für eine Untersuchung im Forschungskontext.

Ist Aphantasie eine Krankheit?

Nein. Die Forschenden, die den Begriff geprägt haben, beschreiben sie als Variante menschlichen Erlebens, nicht als Störung. Wer sie seit jeher hat, führt meist ein ganz gewöhnliches Leben und bemerkt sie oft erst im Erwachsenenalter. Nur selten tritt sie erworben auf, etwa nach einer Verletzung oder einem neurologischen Ereignis.

Ersetzt dieser Artikel eine professionelle Einschätzung?

Nein. Er fasst historische und wissenschaftliche Forschung zu Vorstellungsbildern zu Informations- und Bildungszwecken zusammen. Wenn du einen plötzlichen Verlust der Vorstellungskraft bemerkst oder dir Veränderungen deines Gedächtnisses oder deiner Wahrnehmung Sorgen machen, ist der richtige Schritt, dich an eine Fachperson aus Medizin oder Psychologie zu wenden.