Lesend-schreibender Lernstil: Lernen durch Lesen und Schreiben
Was der lesend-schreibende Stil beschreibt
Wer sich dem lesend-schreibenden Stil zuordnet, sagt, dass er das Gelesene besser versteht und behält, vor allem das, was er schriftlich in eigenen Worten neu ordnet: Notizen, Zusammenfassungen, Listen.
Es ist der Buchstabe R (für Read/Write) im VARK-Modell, das Neil Fleming und Colleen Mills 1992 vorstellten. Häufig verbindet er sich mit dem visuellen Stil, in Notizen, die Text und Schaubilder mischen, und unser Lernstil-Test hilft einzuschätzen, wie stark er sich mit den anderen drei verbindet.
Wie bei den anderen Stilen lohnt es sich, zwei Fragen zu trennen. Die erste, ob jemand Text bevorzugt, ist leicht zu beantworten. Die zweite, ob diese Person mehr lernt, wenn ihr alles schriftlich präsentiert wird, hat keine experimentelle Stütze gefunden: Die Übersichtsarbeit von Harold Pashler und Kollegen (2008) fand keine gut angelegten Studien, die diese Passung von Stil und Methode belegen. Gründlich untersucht ist dagegen, was man mit einem Text tun sollte, damit er hängen bleibt.
Woran man ihn meist erkennt
Bei einem neuen Werkzeug liest jemand mit diesem Stil vermutlich lieber die Dokumentation und macht sich eigene Notizen, als ein Tutorial-Video anzuschauen, das dasselbe erklärt. Das Muster zeigt sich an mehreren Stellen:
- Er liest lieber, als sich denselben Inhalt anzuhören oder als Video anzusehen.
- Er macht ganz selbstverständlich ausführliche Notizen, auch wenn er sie zum Erinnern nicht bräuchte.
- Er ordnet seine Gedanken schriftlich besser als mündlich.
Wiederlesen ist nicht Wiederholen
Die häufigste Strategie von Lernenden, die sich auf Text stützen, ist das Wiederlesen. Sie gehört zugleich zu den am wenigsten wirksamen.
Fergus Craik und Robert Lockhart (1972) schlugen vor, dass nicht entscheidet, wie oft man etwas sieht, sondern wie tief man es verarbeitet: Auf die Bedeutung zu achten und sie mit Vorwissen zu verknüpfen, hinterlässt mehr Spuren, als an der Oberfläche zu bleiben.
Im Jahr darauf prüften Craik und Michael Watkins (1973) das am erhaltenden Wiederholen, also daran, etwas zu wiederholen, um es präsent zu halten, ohne es zu verarbeiten. Die Zeit, die Teilnehmende mit dem Wiederholen eines Wortes verbrachten, verbesserte ihre spätere Erinnerung nicht. Notizen „mit den Augen zu überfliegen“ ähnelt dem sehr.
Die Übersichtsarbeit von John Dunlosky und Kollegen (2013) zu zehn Lerntechniken kommt zum selben Ergebnis: Wiederlesen und Unterstreichen erhielten eine niedrige Nützlichkeitsbewertung, Abrufübung und verteiltes Wiederholen die höchste.
Umformulieren: der Generierungseffekt
In eigenen Worten zu schreiben, funktioniert aus einem seit Jahrzehnten belegten Grund besser als abzuschreiben. Norman Slamecka und Peter Graf (1978) zeigten, dass Wörter, die Teilnehmende anhand eines Hinweises selbst erzeugten, besser behalten wurden als dieselben Wörter, die sie fertig vorgelegt bekamen. Sie nannten das den Generierungseffekt.
Eine Zusammenfassung bei geschlossenen Notizen verbindet diesen Effekt mit der Abrufübung: Man muss die Information aus dem Gedächtnis holen und entscheiden, was wichtig ist. Unterstrichene Sätze abzuschreiben verlangt dagegen kaum eines von beidem.
Mit der Hand oder am Laptop?
Pam Mueller und Daniel Oppenheimer (2014) veröffentlichten eine viel zitierte Studie: Studierende, die am Laptop mitschrieben, notierten mehr Wörter, übernahmen das Gesagte wörtlicher und beantworteten konzeptuelle Fragen schlechter als jene, die mit der Hand schrieben. Die vorgeschlagene Erklärung: Die langsamere Hand zwingt zum Zusammenfassen und Umformulieren.
Damit war die Geschichte nicht zu Ende. Heather Urry und ein großes Team der Tufts University (2021) wiederholten das erste Experiment mit demselben Vorgehen. Wieder führte der Laptop zu längeren und wörtlicheren Notizen, doch im Test gab es keine Unterschiede, und eine kleine Metaanalyse von acht ähnlichen Studien zeigte dasselbe Muster.
Unsere Lesart dieser Debatte: Das Medium zählt weniger als behauptet; den Unterschied macht, ob die Notizen eine Abschrift oder eine Umformulierung sind.
Schreiben, um Erfahrungen zu ordnen
Schreiben hilft auch, aus Erlebtem zu lernen, nicht nur aus Gelerntem. Der Investor Ray Dalio erzählt in Principles (2017, deutsch Die Prinzipien des Erfolgs), einem populären Wirtschaftsbuch, dass er es sich zur Gewohnheit machte, nach jedem Fehler aufzuschreiben, was schiefgelaufen war und welche allgemeine Regel er daraus ableiten konnte. Das ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, keine Studie, beschreibt aber gut denselben Mechanismus: schriftlich umformulieren, um etwas Vereinzeltes in eine wiederverwendbare Idee zu verwandeln.
Ein Beispiel für das, was funktioniert
Eine Jurastudentin, die sich als lesend-schreibend beschreibt, bereitet ein Thema aus dem Verwaltungsrecht für das Examen vor. Liest sie ihr unterstrichenes Skript dreimal, arbeitet sie mit dem Gefühl von Vertrautheit, das die Forschung mit schwachem Behalten verbindet.
Schließt sie dagegen nach jedem Abschnitt das Skript, schreibt aus dem Gedächtnis eine Gliederung in eigenen Worten, vergleicht sie mit dem Original und wiederholt das einige Tage später, verbindet sie Generierung, Abruf und Verteilung. Alle drei Techniken würden bei einem Kommilitonen, der sich für auditiv hält, genauso wirken; ihr sind sie außerdem angenehm, und dieses Wohlgefühl hilft, die Anstrengung durchzuhalten.
Dieser Artikel fasst Lernforschung zu Informationszwecken zusammen; bei Lese- oder Lernschwierigkeiten ersetzt er nicht die Beratung durch eine Fachperson.
Quellen
- Craik, F. I. M. und Lockhart, R. S. (1972). Levels of processing: A framework for memory research. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 11(6), 671-684. https://doi.org/10.1016/S0022-5371(72)80001-X
- Craik, F. I. M. und Watkins, M. J. (1973). The role of rehearsal in short-term memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 12(6), 599-607. https://doi.org/10.1016/S0022-5371(73)80039-8
- Dalio, R. (2017). Principles: Life and Work. Simon & Schuster.
- Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J. und Willingham, D. T. (2013). Improving students’ learning with effective learning techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4-58. https://doi.org/10.1177/1529100612453266
- Fleming, N. D. und Mills, C. (1992). Not another inventory, rather a catalyst for reflection. To Improve the Academy, 11, 137-155.
- Mueller, P. A. und Oppenheimer, D. M. (2014). The pen is mightier than the keyboard: Advantages of longhand over laptop note taking. Psychological Science, 25(6), 1159-1168. https://doi.org/10.1177/0956797614524581
- Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D. und Bjork, R. (2008). Learning styles: Concepts and evidence. Psychological Science in the Public Interest, 9(3), 105-119. https://doi.org/10.1111/j.1539-6053.2009.01038.x
- Slamecka, N. J. und Graf, P. (1978). The generation effect: Delineation of a phenomenon. Journal of Experimental Psychology: Human Learning and Memory, 4(6), 592-604. https://doi.org/10.1037/0278-7393.4.6.592
- Urry, H. L., Crittle, C. S., Floerke, V. A., Leonard, M. Z., Perry, C. S., Akdilek, N. et al. (2021). Don’t ditch the laptop just yet: A direct replication of Mueller and Oppenheimer’s (2014) Study 1 plus mini meta-analyses across similar studies. Psychological Science, 32(3), 326-339. https://doi.org/10.1177/0956797620965541
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Häufig gestellte Fragen
Was ist der lesend-schreibende Lernstil?
Die angegebene Vorliebe, über Text zu lernen: lesen, Notizen machen, Listen und Zusammenfassungen schreiben. Im VARK-Fragebogen entspricht er dem Buchstaben R (Read/Write). Er beschreibt, wie jemand gern lernt, belegt aber nicht, dass er auf diesem Weg besser lernt.
Welche Lernstrategien werden mit diesem Stil verbunden?
Das VARK-Modell verbindet ihn mit ausführlichen Notizen, dem Umschreiben in eigene Worte und dem Erstellen von Zusammenfassungen oder Listen. Am besten belegt ist davon das aktive Umformulieren; das Wiederlesen dagegen vermittelt ein Gefühl von Beherrschung, hinterlässt aber wenig Spuren, und das gilt für jeden Stil.
Ist das der häufigste Stil im klassischen Bildungswesen?
Belastbare Daten, die das bestätigen, gibt es nicht. Allerdings stützt sich ein Großteil des formalen Unterrichts auf geschriebenen Text, und wer gern liest und schreibt, fühlt sich in herkömmlichen Prüfungen womöglich wohler.
Ist es besser, mit der Hand mitzuschreiben als am Laptop?
Das ist nicht geklärt. Mueller und Oppenheimer (2014) fanden, dass Studierende am Laptop wörtlicher mitschrieben und konzeptuelle Fragen schlechter beantworteten, doch eine direkte Replikation von Urry und Kollegen (2021) fand keine Leistungsunterschiede. Wichtig scheint vor allem zu sein, umzuformulieren statt abzuschreiben.