Dissoziative Identitätsstörung: Der Prediger, der zwei Monate als anderer Mann lebte
Am 17. Januar 1887 hob ein Prediger aus Rhode Island 551 Dollar von der Bank ab, stieg in eine Pferdebahn und verschwand. Zwei Monate später erwachte er verängstigt in einem anderen Bundesstaat, wieder als er selbst und ohne jede Erinnerung an die Wochen, in denen er dort unter fremdem Namen einen Laden geführt hatte. Sein Fall gehört bis heute zu den meistzitierten, wenn es um die dissoziative Identitätsstörung geht.
Er hieß Ansel Bourne, und William James widmete ihm im zehnten Kapitel seiner Principles of Psychology (1890) mehrere Seiten, im Abschnitt über die Wandlungen des Selbst.
In Lehrbüchern steht er heute als historisches Beispiel für eine dissoziative Fugue, ein Phänomen, das mit der Identitätsstörung verwandt, aber nicht dasselbe ist.
Wer war Ansel Bourne?
James beschreibt ihn sorgfältig, fast wie ein Leumundszeuge:
- Zimmermann von Beruf, aus Greene in Rhode Island.
- Kurz vor seinem 30. Geburtstag zum Christentum bekehrt, seither meist als Wanderprediger unterwegs.
- Geplagt von Kopfschmerzen, Phasen der Niedergeschlagenheit und einigen kurzen Bewusstlosigkeiten.
- So angesehen für seine Redlichkeit, dass niemand, der ihn kannte, an seiner Geschichte zweifelte.
An jenem Januartag hob er das Geld in Providence ab, um ein Grundstück zu bezahlen, beglich einige Rechnungen und stieg in die Pferdebahn nach Pawtucket.
Das war das Letzte, woran er sich erinnerte.
Die Zeitungen meldeten ihn als vermisst, und die Polizei vermutete ein Verbrechen.
Zwei Monate als „A. J. Brown“
Am Morgen des 14. März erwachte in Norristown, Pennsylvania, ein Mann, der sich A. J. Brown nannte, voller Schrecken und rief die Hausbewohner, um zu fragen, wo er sei.
Sechs Wochen zuvor hatte er einen kleinen Laden gemietet und mit Schreibwaren, Süßigkeiten und Obst bestückt.
Die Nachbarn beschrieben ihn als ruhig und ordentlich:
- Er fuhr nach Philadelphia, um Ware nachzukaufen.
- Er kochte und schlief im Hinterzimmer des Ladens.
- Er ging regelmäßig zur Kirche und hielt sogar eine gelobte Ansprache bei einer Gebetsversammlung.
Bourne hatte nie im Leben mit Handel zu tun gehabt.
Er wollte nicht glauben, dass zwei Monate vergangen waren.
Er hatte über neun Kilo abgenommen und weigerte sich, den Laden je wieder zu betreten.
1890: Hypnose und die Rückkehr von Brown
Im Juni 1890 überredete James Bourne zu einer Hypnose, um zu prüfen, ob die Erinnerungen von Brown zurückkehren würden.
Sie kehrten erstaunlich leicht zurück:
- In Trance hatte Brown von Ansel Bourne zwar gehört, glaubte aber nicht, ihm je begegnet zu sein.
- Mrs. Bourne gegenüber versicherte er, diese Frau noch nie gesehen zu haben.
- Als Motiv nannte er nur, dort habe es Ärger gegeben, und er habe Ruhe gewollt.
- Über die Lücken in seinem Gedächtnis beschrieb er sich als jemanden, der eingezäunt ist und an keinem Ende hinauskommt.
James hoffte, die beiden Erinnerungsstränge durch Suggestion zu vereinen. Es gelang nicht.
Sein Fazit: Unter Bournes Schädeldecke lebten weiterhin zwei getrennte persönliche Ichs.
Den vollständigen Bericht veröffentlichte Richard Hodgson 1891 in den Proceedings of the Society for Psychical Research.
Dissoziative Fugue und dissoziative Identitätsstörung: der Unterschied
Beides wird oft verwechselt, deshalb lohnt die Trennung.
Laut DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013):
- Die dissoziative Fugue ist keine eigenständige Diagnose mehr, sondern eine Zusatzcodierung der dissoziativen Amnesie: scheinbar zielgerichtetes Reisen oder verwirrtes Umherwandern mit Amnesie für die eigene Identität oder andere wichtige Lebensdaten.
- Die dissoziative Identitätsstörung setzt zwei oder mehr abgegrenzte Persönlichkeitszustände voraus, wiederkehrende Erinnerungslücken und deutlichen Leidensdruck oder Beeinträchtigung.
- Bis zum DSM-IV (1994) hieß sie multiple Persönlichkeitsstörung.
Bournes Episode passt besser zur ersten Beschreibung.
James betont, dass sie sich nie wiederholte und keine auffälligen Charakterveränderungen zeigte.
Und wie häufig ist die dissoziative Identitätsstörung? Die Schätzungen gehen weit auseinander. In einer Bevölkerungsstichprobe von 658 Erwachsenen im Bundesstaat New York fanden Johnson und Kollegen (2006):
- 1,5 % mit dissoziativer Identitätsstörung.
- 1,8 % mit dissoziativer Amnesie.
- Einen Zusammenhang dieser Störungen mit schlechterem Funktionieren im Alltag.
Es ist eine einzelne Stichprobe, die tatsächliche Zahl bleibt umstritten.
Welche anderen Fälle multipler Persönlichkeit sammelte James?
James trug mehrere Fälle seiner Zeit zusammen:
- Mary Reynolds (Pennsylvania, 1811), beschrieben vom Arzt Weir Mitchell: Nach 18 bis 20 Stunden Schlaf erwachte sie ohne Erinnerungen und musste neu lesen lernen. Aus der Schwermütigen wurde eine fröhliche, furchtlose Frau, die Warnungen vor Bären auslachte. Die Zustände wechselten sich 15 oder 16 Jahre lang ab, bis sie im zweiten blieb.
- Léonie, untersucht von Pierre Janet: In Trance sprach sie von ihrem Alltags-Ich als von „dieser guten Frau“, die „nicht ich“ sei.
- Félida X, beschrieben vom Arzt Azam in Bordeaux.
James erklärte sie mit Systemen von Hirnbahnen, die dissoziiert voneinander arbeiten, jedes für sich. Eine Intuition, die Jahrzehnte später an Roger Sperrys Split-Brain-Experimente erinnert, auch wenn es um verschiedene Phänomene geht.
Trauma oder Suggestion: eine offene Debatte
Zur Entstehung der Störung gibt es zwei große Positionen:
- Traumamodell. Dalenberg und Kollegen (2012, Psychological Bulletin) kamen zu dem Schluss, der Zusammenhang zwischen Trauma und Dissoziation sei konsistent und mittelstark.
- Soziokognitives Modell. Lynn und Kollegen (2014) entgegneten, die Belege reichten nicht aus, und Suggestion, Fantasieneigung und Gedächtnisfehler wögen schwerer als eingeräumt.
Der Fall Bourne zeigt, warum die Debatte heikel ist: Die Brown-Persönlichkeit tauchte unter Hypnose wieder auf, einer Technik, die laut Gedächtnisforschung das Vertrauen in ungenaue Erinnerungen steigern kann.
Der Zusammenhang zwischen starkem Stress und Gedächtnis hat eine eigene biologische Grundlage, beschrieben in warum Stress das Gedächtnis blockiert.
Was James richtig sah und was nicht
James beschrieb respektvoll und genau, was viele Zeitgenossen als Betrug oder Besessenheit abtaten.
Auch seine allgemeine Hypothese trägt: Identität ist kein unteilbarer Block, sondern eine Integration von Erinnerungen und Funktionen, die unter bestimmten Bedingungen zerfallen kann.
Doch seine Fälle stammen aus der Ära des Hypnotismus und der parapsychologischen Forschung. Sie sind keine modernen Diagnosen, und keiner wurde mit heutigen Kriterien oder Instrumenten untersucht.
Quellen
- James, W. (1890). The Principles of Psychology. Henry Holt and Company.
- Hodgson, R. (1891). A case of double consciousness. Proceedings of the Society for Psychical Research, 7, 221-257.
- American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). American Psychiatric Publishing.
- Johnson, J. G., Cohen, P., Kasen, S., & Brook, J. S. (2006). Dissociative disorders among adults in the community, impaired functioning, and axis I and II comorbidity. Journal of Psychiatric Research, 40(2), 131-140. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2005.03.003
- Dalenberg, C. J., Brand, B. L., Gleaves, D. H., Dorahy, M. J., Loewenstein, R. J., Cardeña, E., Frewen, P. A., Carlson, E. B., & Spiegel, D. (2012). Evaluation of the evidence for the trauma and fantasy models of dissociation. Psychological Bulletin, 138(3), 550-588. https://doi.org/10.1037/a0027447
- Lynn, S. J., Lilienfeld, S. O., Merckelbach, H., Giesbrecht, T., McNally, R. J., Loftus, E. F., Bruck, M., Garry, M., & Malaktaris, A. (2014). The trauma model of dissociation: Inconvenient truths and stubborn fictions. Comment on Dalenberg et al. (2012). Psychological Bulletin, 140(3), 896-910. https://doi.org/10.1037/a0035570
Möchtest du mehr über dich erfahren?
Entdecke dein Ergebnis mit einem unserer verwandten Tests.
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine dissoziative Identitätsstörung?
Sie ist eine Diagnose im DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013). Kennzeichnend sind zwei oder mehr voneinander abgegrenzte Persönlichkeitszustände, wiederkehrende Erinnerungslücken für Alltagsereignisse, persönliche Informationen oder traumatische Erlebnisse sowie deutlicher Leidensdruck oder Beeinträchtigung. Bis 1994 hieß sie multiple Persönlichkeitsstörung.
Was ist eine dissoziative Fugue?
Eine Episode, in der ein Mensch scheinbar zielgerichtet verreist oder verwirrt umherwandert und dabei die Erinnerung an seine Identität oder andere wichtige Lebensdaten verliert. Im DSM-5 ist sie keine eigenständige Diagnose mehr, sondern eine Zusatzcodierung der dissoziativen Amnesie. Der Fall Ansel Bourne (1887) gilt als historisches Beispiel.
Ist die multiple Persönlichkeit wirklich so selten?
Die Zahlen schwanken je nach Studie. In einer Bevölkerungsstichprobe von 658 Erwachsenen im US-Bundesstaat New York schätzten Johnson und Kollegen (2006) die Häufigkeit der dissoziativen Identitätsstörung auf 1,5 %. Das ist eine einzelne Stichprobe, die tatsächliche Häufigkeit ist unter Fachleuten umstritten.
Wird die dissoziative Identitätsstörung durch ein Trauma verursacht?
Das ist die Kernfrage einer offenen Debatte. Dalenberg und Kollegen (2012) vertraten im Psychological Bulletin, dass der Zusammenhang zwischen Trauma und Dissoziation konsistent ist; Lynn und Kollegen (2014) hielten dagegen, die Belege reichten nicht aus und Suggestion, Fantasieneigung und Gedächtnisfehler spielten ebenfalls eine Rolle. Eine abschließende Antwort gibt es nicht.
Ersetzt dieser Artikel eine professionelle Einschätzung?
Nein. Er fasst einen historischen Fall und wissenschaftliche Forschung zu Informations- und Bildungszwecken zusammen und eignet sich nicht, eine Störung zu erkennen. Wenn du oder jemand in deinem Umfeld Erinnerungslücken, Phasen der Desorientierung oder Identitätswechsel erlebt, die belasten, ist der richtige Schritt ein Gespräch mit einer Fachperson für psychische Gesundheit.