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Pareidolie: Warum dein Gehirn Gesichter in Steckdosen, Wolken und Toast sieht

Von der Personaramic-Redaktion6 Min. Lesezeit
Minimalistische organische Illustration einer abgerundeten Steckdose, deren zwei Löcher und eine untere Rundung ein Gesicht andeuten

Die Steckdose schaut dich erstaunt an. Die Wolke hat eine Nase. Und 2004 verkaufte eine Frau aus Florida ein Käsesandwich für 28.000 Dollar, weil sie darin die Jungfrau Maria sah. Nichts davon ist seltsam: Es ist dein Gehirn, das genau das tut, wofür es gebaut ist.

Das Phänomen heißt Pareidolie. Zwei Löcher und ein Strich genügen.

Dein Gehirn wartet nicht auf Beweise. Es setzt zuerst das Gesicht ein und prüft später.

Was ist Pareidolie, und woher kommt das Wort?

Pareidolie ist die Wahrnehmung eines bedeutungsvollen Musters in etwas, das keines enthält. Die mit Abstand häufigste Variante ist das Gesicht.

Den Begriff prägte der deutsche Psychiater Karl Ludwig Kahlbaum 1866. Er stammt aus dem Griechischen: para (“neben”, “anstelle von”) und eidolon (“Bild”).

Die üblichen Verdächtigen:

  • Steckdosen, Wasserhähne und Rucksäcke mit verblüfftem Blick. Die hiesige Schuko-Steckdose mit ihren zwei runden Löchern ist fast ein Lehrbuchbeispiel.
  • Wolken mit menschlichem oder tierischem Profil.
  • Autofronten, die zu grinsen oder finster zu blicken scheinen.
  • Flecken auf dem Toast, feuchte Stellen an der Wand, die Oberfläche des Mondes.

Der berühmteste Fall stammt von Diane Duyser. Nach eigener Aussage hatte sie zehn Jahre zuvor in ein gegrilltes Käsesandwich gebissen und ein Gesicht gesehen, das sie ansah.

Im November 2004 versteigerte sie es bei eBay, und ein Online-Casino zahlte 28.000 Dollar dafür.

Was William James schon 1890 beobachtete

William James verwendet das Wort “Pareidolie” in seinen Principles of Psychology (1890) nicht. Doch sein Kapitel über die Wahrnehmung von “Dingen” beschreibt den Mechanismus erstaunlich genau.

Seine These passt in einen Satz. Sinngemäß schrieb er:

Wir sehen, wie immer, das wahrscheinlichste Objekt.

Wahrnehmen heißt für James nicht fotografieren. Es heißt ergänzen. Die Sinne liefern ein paar Striche, den Rest füllt der Geist mit dem, was er schon kennt.

Seine Beispiele sind fast alltäglich:

  • Ein Jäger, dessen Fall James von Romanes übernimmt, sieht im Unterholz einen Vogel von Größe und Farbe einer Waldschnepfe auffliegen. Er schießt. Es war eine Drossel: Alles Übrige hatte sein Kopf ergänzt.
  • Der Verliebte glaubt, zwanzigmal am Tag den Hut der geliebten Person vor sich auf der Straße zu sehen.
  • James selbst las in Boston, während er auf eine Straßenbahn wartete, ganz deutlich “Mount Auburn” auf einem Schild, auf dem “North Avenue” stand.

Dazu kommt, was er die Täuschung des Korrekturlesers nannte. Wer geübt Romane oder Zeitungen liest, so James, nimmt mehr als die Hälfte der Wörter aus dem eigenen Kopf und kaum die Hälfte von der gedruckten Seite.

Pareidolie ist dieselbe Ergänzungsmaschine, gerichtet auf Gesichter.

Eine Nonne in Venedig und ein Terrier, der wie eine Flut klang

In Venedig sah ein Professor Hyatt im Winter 1858 neben seinem Bett den Kopf einer Nonne mit Haube. Es war Mondlicht, das durch Spitzengardinen fiel.

Das Gehör spielt dieselben Streiche:

  • James hörte einmal etwas, das er für das ferne Tosen einer Überschwemmung hielt. Es war der Atem seines kleinen Scottish Terriers, der auf dem Boden schlief.
  • Der Philosoph Thomas Reid glaubte, verängstigt im Bett, jemand klopfe an die Tür, und öffnete mehrmals. Es war sein eigener Herzschlag.
  • Ein vermeintliches Hundegebell entpuppte sich, wie der Zoologe Van Beneden erklärte, als Rotbauchunken.

Am aufschlussreichsten ist das Detail mit dem Hund. Sobald James wusste, was er hörte, konnte er das Geräusch nicht mehr so hören wie einen Moment zuvor.

Wechselt der Geist die Hypothese, wechselt die Wahrnehmung mit.

Genauso beim Gesicht in der Steckdose: Einmal gesehen, wird man es kaum wieder los.

Was passiert im Gehirn, wenn du ein Gesicht in einem Gegenstand siehst?

Mehr als ein Jahrhundert später legte die Neurowissenschaft Stoppuhr und Scanner an James’ Intuition an.

  • Hadjikhani und Kollegen (2009) stellten per Magnetoenzephalografie fest, dass gesichtsähnliche Objekte den ventralen fusiformen Kortex, eine auf Gesichter spezialisierte Region, nach etwa 165 Millisekunden aktivieren. Fast zur selben Zeit und am selben Ort wie echte Gesichter. Gewöhnliche Objekte lösten diese Reaktion nicht aus.
  • Liu und Kollegen (2014) zeigten Versuchspersonen reines Bildrauschen, nachdem sie ihnen gesagt hatten, die Hälfte der Bilder enthalte Gesichter oder Buchstaben. In 34 Prozent der Fälle meldeten sie ein Gesicht. Dann war das rechte fusiforme Gesichtsareal aktiv, und frontale Regionen schienen die Erwartung in den visuellen Kortex zu schicken. Der Titel der Studie: “Seeing Jesus in toast”. 2014 erhielt sie den Ig-Nobelpreis für Neurowissenschaften.
  • Wardle und Kollegen (2020) kombinierten funktionelle MRT und Magnetoenzephalografie. Scheingesichter wurden zunächst eher wie echte Gesichter repräsentiert als vergleichbare Objekte; nach etwa 250 Millisekunden kippte diese Repräsentation, und sie wurden wie gewöhnliche Objekte behandelt.

Das Gehirn schlägt zuerst “Gesicht!”-Alarm und korrigiert sich danach.

Das alles spielt sich in ähnlichen Zeiträumen ab wie das, was dein Gehirn in einem Fünftel einer Sekunde entscheidet, lange vor jedem bewussten Urteil. Ähnlich wie wenn dein Gehirn auf einen einfachen Klick reagiert, bevor du weißt, was es ist.

Warum wirken fast alle Gesichter in Gegenständen männlich?

In Experimenten mit 3.815 Erwachsenen fanden Wardle und Kollegen (2022), dass Scheingesichter nicht neutral sind. Man schreibt ihnen Alter, Gefühlsausdruck und Geschlecht zu.

Und es gibt eine starke Tendenz, sie als männlich zu sehen, im Verhältnis von etwa vier zu eins.

Weder die Art des Objekts noch seine visuellen Merkmale erklärten das. Die Deutung der Autoren: Fehlen Merkmale, die als weiblich gelten, greift der Geist auf eine Standardkategorie zurück.

Ein weiteres “wahrscheinlichstes Objekt” im Sinne von James. Der Geist ergänzt auch mit seinen sozialen Gewohnheiten.

Lieber ein Gesicht zu viel als eines zu wenig

Die gängigste Erklärung ist evolutionär, und sie bleibt eine Hypothese. Für ein soziales Tier ist es weit teurer, ein echtes Gesicht zu übersehen (ein Raubtier, einen Rivalen, jemanden, der sich nähert), als einen Stein für ein Gesicht zu halten.

Der Gesichtsdetektor funktioniert wie ein Rauchmelder, der schon bei verbranntem Toast anschlägt. Manchmal nervt das, aber ein Feuer übersieht er selten.

Dazu passt, dass wir nicht allein sind. Taubert und Kollegen (2017) zeigten, dass Rhesusaffen Fotos von Objekten mit “Gesicht” länger betrachten als ähnliche Objekte, und deren “Augen” und “Mund” mit dem Blick abtasten wie bei einem echten Gesicht.

Was James richtig sah und was er nicht wissen konnte

Im Kern lag James richtig:

  • Wahrnehmen ist Schlussfolgern: Der Geist steuert mehr bei, als er empfängt.
  • Ist ein Reiz einmal umgedeutet, lässt er sich kaum noch wie vorher wahrnehmen.

Was er nicht wissen konnte:

  • Dass es eine auf Gesichter spezialisierte Hirnregion gibt und Pareidolie sie in rund 165 Millisekunden aktiviert.
  • Dass der Fehler kein langsames Nachdenken ist, sondern eine frühe Erkennung, die danach korrigiert wird.

Derselbe Drang, jemanden zu finden, wo niemand ist, taucht in einem anderen Klassiker der Psychologie auf: beim Ouija-Brett und dem Glas, das sich scheinbar von selbst bewegt.

Quellen

  • James, W. (1890). The Principles of Psychology. Henry Holt and Company.
  • Hadjikhani, N., Kveraga, K., Naik, P., & Ahlfors, S. P. (2009). Early (M170) activation of face-specific cortex by face-like objects. NeuroReport, 20(4), 403-407. https://doi.org/10.1097/WNR.0b013e328325a8e1
  • Liu, J., Li, J., Feng, L., Li, L., Tian, J., & Lee, K. (2014). Seeing Jesus in toast: Neural and behavioral correlates of face pareidolia. Cortex, 53, 60-77. https://doi.org/10.1016/j.cortex.2014.01.013
  • Taubert, J., Wardle, S. G., Flessert, M., Leopold, D. A., & Ungerleider, L. G. (2017). Face pareidolia in the rhesus monkey. Current Biology, 27(16), 2505-2509. https://doi.org/10.1016/j.cub.2017.06.075
  • Wardle, S. G., Taubert, J., Teichmann, L., & Baker, C. I. (2020). Rapid and dynamic processing of face pareidolia in the human brain. Nature Communications, 11, 4518. https://doi.org/10.1038/s41467-020-18325-8
  • Wardle, S. G., Paranjape, S., Taubert, J., & Baker, C. I. (2022). Illusory faces are more likely to be perceived as male than female. Proceedings of the National Academy of Sciences, 119(5), e2117413119. https://doi.org/10.1073/pnas.2117413119

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Häufig gestellte Fragen

Was ist Pareidolie?

Pareidolie ist die Wahrnehmung einer bedeutungsvollen Form, meist eines Gesichts, in etwas, das keine enthält: einer Steckdose, einer Wolke, einem Brandfleck auf dem Toast. Den Begriff Pareidolie führte der Psychiater Karl Ludwig Kahlbaum 1866 ein, aus dem Griechischen para ('neben', 'anstelle von') und eidolon ('Bild').

Ist es normal, Gesichter in Gegenständen zu sehen?

Ja. In einer Studie von Liu und Kollegen (2014) meldeten Versuchspersonen, denen man gesagt hatte, die Hälfte der Rauschbilder enthalte Gesichter, in 34 Prozent der Fälle ein Gesicht. Taubert und Kollegen (2017) zeigten außerdem, dass auch Rhesusaffen auf Scheingesichter reagieren, was auf einen artübergreifenden Mechanismus hindeutet.

Warum sieht das Gehirn Gesichter, wo keine sind?

Die auf Gesichter spezialisierte Hirnregion reagiert schon auf minimale Anordnungen aus zwei Augen und einem Mund. Hadjikhani und Kollegen (2009) maßen ihre Aktivierung bei gesichtsähnlichen Objekten nach etwa 165 Millisekunden, fast wie bei echten Gesichtern. Die gängigste evolutionäre Erklärung, die eine Hypothese bleibt: Einen Stein für ein Gesicht zu halten, kostet weniger, als ein echtes Gesicht zu übersehen.

Warum wirken Gesichter in Gegenständen meist männlich?

In Experimenten mit 3.815 Erwachsenen fanden Wardle und Kollegen (2022), dass Scheingesichter etwa viermal so oft als männlich wie als weiblich wahrgenommen werden. Weder die Art des Objekts noch seine visuellen Merkmale erklärten das. Die Autoren deuten es als Standardkategorie, auf die der Geist zurückgreift, wenn als weiblich geltende Merkmale fehlen.

Ersetzt dieser Artikel eine fachliche Einschätzung meiner Wahrnehmung?

Nein. Er fasst Wahrnehmungsforschung zu Informations- und Bildungszwecken zusammen. Gesichter in Gegenständen zu sehen, ist verbreitet und normal. Wer Wahrnehmungen hat, die belasten oder denen nichts tatsächlich Vorhandenes entspricht, wendet sich am besten an eine Fachperson für Psychologie oder psychische Gesundheit.