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Bindung

Warum wird Oxytocin das 'Kuschelhormon' genannt?

Von Rafa Personaramic4 Min. Lesezeit
Minimalistische Illustration zweier verschränkter Hände innerhalb eines Kreises

Das Hormon, das körperlichen Kontakt zu einer biologischen Tatsache machte

Die spanische Psychiaterin Marian Rojas Estapé widmet das erste Kapitel ihres Buches Encuentra tu persona vitamina der Erklärung, warum Oxytocin den Beinamen „Kuschelhormon“ erhalten hat. Der Grund ist einfach zu benennen und komplex zu belegen: Dieses Hormon wird messbar ausgeschüttet, wenn liebevoller körperlicher Kontakt stattfindet (eine Umarmung, eine Berührung, sogar ein anhaltender Blick), und seine Ausschüttung wird mit Zuständen von Ruhe, Vertrauen und Nähe zur anderen Person assoziiert.

Haftungshinweis: Dieser Artikel fasst populärwissenschaftliche Ideen der Psychiaterin Marian Rojas Estapé aus Encuentra tu persona vitamina zusammen, im Dialog mit der Bindungstheorie von Bowlby und Ainsworth, die im Rest dieser Kategorie behandelt wird. Er dient ausschließlich der Information und ersetzt nicht die Beurteilung oder das Urteil einer Fachperson für psychische Gesundheit.

Der Gegenpol: Cortisol als „alter Bekannter“

Rojas Estapé stellt Oxytocin nicht isoliert dar, sondern im direkten Kontrast zu Cortisol, das sie als „einen alten Bekannten“ beschreibt: das Hormon, das der Körper bei Stress und wahrgenommener Bedrohung ausschüttet. Während Cortisol den Organismus auf Alarm und Verteidigung vorbereitet, tut Oxytocin fast das Gegenteil: Es begünstigt Annäherung, Vertrauen und Bindung. Die Autorin vertritt, dass das zeitgenössische Leben in ihren eigenen Worten „entzündlich“ ist: weniger wegen punktueller Spitzen akuten Stresses, sondern wegen einer niedrigen, aber anhaltenden Aktivierung des Alarmsystems, aufrechterhalten über viel längere Zeit, als der menschliche Körper zu tolerieren vorbereitet war.

Diese Idee verbindet sich direkt damit, warum sozialer Kontakt laut ihrem Ansatz fast wie ein biologischer Regulator wirkt: Wenn chronischer Stress das Cortisol im Hintergrund erhöht hält, würden Bindungen, die Oxytocin aktivieren, als echtes Gegengewicht wirken, nicht nur emotional, sondern auch physiologisch.

Eine explizite Warnung vor hormonellem Determinismus

Eine Nuance, die die Autorin selbst betont und die man nicht übersehen sollte, ist ihre direkte Warnung vor dem, was sie den „Determinismus der Hormone“ nennt. Rojas Estapé vertritt nicht, dass ein Mensch eine bloße Marionette seiner Gehirnchemie sei: Hormone beeinflussen Stimmung und Verhalten, bestimmen sie aber nicht mechanisch und schließen das Gewicht der eigenen Biografie, des Kontexts oder des Willens jeder Person nicht aus. Es ist eine wichtige Unterscheidung in einem populärwissenschaftlichen Buch, das leicht in die gegenteilige Vereinfachung verfallen könnte (das ganze Gefühlsleben auf einen Cocktail aus Neurotransmittern zu reduzieren) und das sich stattdessen entscheidet, dies explizit zu differenzieren.

Warum der Mensch Bindung braucht: Aristoteles gegen Hobbes

Um zu argumentieren, dass das Bedürfnis nach sozialer Bindung keine kulturelle Laune, sondern eine biologische Bedingung ist, greift die Autorin auf zwei klassische philosophische Referenzen zurück und lässt sie miteinander in Dialog treten. Die erste ist Aristoteles mit seiner berühmten Aussage, dass „der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen“ sei: Wir sind, dieser Lesart zufolge, von Ursprung an darauf ausgerichtet, in Gemeinschaft zu leben, nicht als eine Option unter anderen, sondern als Teil unserer eigenen Natur.

Die zweite Referenz ist der Satz von Thomas Hobbes (den die Autorin selbst als ursprünglich von Plautus übernommen kennzeichnet), dass „der Mensch dem Menschen ein Wolf ist“. Rojas Estapé verwirft ihn nicht einfach: Sie erkennt an, dass es echten Wettbewerb um Ressourcen geben kann und dass dieser Wettbewerb Aggressivität zwischen Individuen erzeugt. Aber sie differenziert, dass diese Spannung mit einem mehrheitlichen Gefühl der Solidarität koexistiert, das sich nicht auf punktuelle wohltätige Organisationen beschränkt. Als Beispiel weist sie darauf hin, dass die großen religiösen Traditionen (Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus) Nächstenliebe und Respekt vor dem Mitmenschen als zentrale ethische Säulen ihrer Praxis teilen, nicht als sekundären Zusatz.

Der Beleg, den sie anführt: Isolation, Pandemie und Aufopferung

Über die philosophische Argumentation hinaus greift die Autorin auf ein jüngstes, überprüfbares Ereignis als Beleg für dieses soziale Bedürfnis zurück: den realen psychologischen Schaden, den die pandemiebedingten Ausgangsbeschränkungen verursachten. Diese erzwungene Isolation, vertritt sie, war nicht nur eine logistische Unannehmlichkeit, sondern ein unfreiwilliger empirischer Beweis dafür, wie sehr der Mensch den Kontakt mit anderen braucht, um sein psychisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

In derselben Linie zitiert sie das Verhalten des medizinischen Personals während derselben Zeit (erhebliche persönliche Aufopferung für die Pflege fremder Menschen) als Zeichen eines Instinkts, zu etwas Größerem als sich selbst zu gehören, der über die rationale Nutzenkalkulation hinausgeht, die eine rein hobbesianische Lesart der menschlichen Natur vorhersagen würde.

Die klinische Anwendung: warum sie immer nach den Beziehungen fragt

Das Kapitel bleibt nicht bei der Theorie. Rojas Estapé beschreibt ihre eigene klinische Praxis als Psychiaterin: Im ersten Gespräch mit einem Patienten folgt, nachdem darüber gesprochen wurde, wie er sich fühlt und was ihm widerfährt, immer eine zweite Phase, in der sie explizit nach seinen Beziehungen fragt (Partnerschaft, Familie, Freundschaften, Arbeitskollegen). Ihrer klinischen Erfahrung nach hat das Unbehagen, das viele Patienten in die Praxis bringt, seinen Ursprung, direkt oder indirekt, in diesem Beziehungsbereich, nicht nur in isolierten individuellen Faktoren.

Diese klinische Beobachtung verbindet sich auf natürliche Weise mit dem übrigen Inhalt dieser Kategorie: Die Bindungstheorie von Bowlby und Ainsworth erklärt genau, wie sich diese Beziehungsmuster seit der Kindheit bilden, und warum verschiedene Bindungsstile, wie die sichere oder die ängstliche Bindung, zu unterschiedlichen Arten führen, Nähe, Konflikt und das Bedürfnis nach dem anderen im Erwachsenenleben zu erleben. Du kannst deinen eigenen Stil mit unserem Bindungsstil-Test entdecken.

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Häufig gestellte Fragen

Was unterscheidet Oxytocin von Cortisol?

Laut Rojas Estapé sind sie fast funktionale Gegenpole: Cortisol ist das mit Stress und Bedrohung verbundene Hormon, während Oxytocin bei körperlichem Kontakt und sozialer Bindung ausgeschüttet wird und mit Ruhe und Vertrauen assoziiert ist.

Bedeutet das, dass es reicht, jemanden zu umarmen, um sich besser zu fühlen?

Nicht ganz. Die Autorin selbst warnt vor dem 'hormonellen Determinismus': Hormone beeinflussen die Stimmung, bestimmen sie aber nicht mechanisch und ersetzen nicht die übrigen psychologischen und sozialen Faktoren, die dabei eine Rolle spielen.

Warum zitiert die Autorin Aristoteles und Hobbes im selben Kapitel?

Um zwei historische Sichtweisen der menschlichen Natur gegenüberzustellen: eine, die uns biologisch auf soziales Leben ausgerichtet sieht (Aristoteles), und eine, die den Wettbewerb zwischen Individuen betont (Hobbes), bevor sie argumentiert, dass beide koexistieren, ohne dass die zweite das reale Bindungsbedürfnis aufhebt.

Ist das ein populärwissenschaftlicher Text oder eine klinische Studie?

Es ist ein populärwissenschaftliches Buch, geschrieben von einer praktizierenden Psychiaterin, keine primäre wissenschaftliche Studie. Seine Aussagen werden hier mit demselben populärwissenschaftlichen Charakter wiedergegeben, nicht als abgeschlossene klinische Evidenz.