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Basisemotionen: Du weinst nicht, weil du traurig bist, du bist traurig, weil du weinst

Von der Personaramic-Redaktion8 Min. Lesezeit
Minimalistische Illustration einer stilisierten Träne neben einer Herzschlag-Pulslinie

Der gesunde Menschenverstand sagt: Du verlierst etwas, wirst traurig und weinst. William James behauptete 1890 das Gegenteil. Über die Frage, wie viel davon für unsere Basisemotionen stimmt, streitet die Forschung bis heute.

Der Satz steht im 25. Kapitel seiner Principles of Psychology, dem Kapitel über die Gefühle, und gehört zu den Ideen, die man nach dem ersten Lesen kaum noch aus dem Kopf bekommt.

Die Umkehrung: erst der Körper, dann das Gefühl

James geht von drei Alltagsszenen aus, wie sie der gesunde Menschenverstand erzählt:

  • Wir verlieren unser Vermögen, sind betrübt und weinen.
  • Wir begegnen einem Bären, erschrecken und rennen davon.
  • Ein Rivale beleidigt uns, wir werden wütend und schlagen zu.

Seine Hypothese lautet, dass diese Reihenfolge falsch ist. Tatsächlich, so James, löst die Wahrnehmung des Ereignisses direkt körperliche Veränderungen aus, und die Emotion ist das Spüren dieser Veränderungen, während sie geschehen.

Daher sein berühmtester Satz, sinngemäß übersetzt: Wir sind traurig, weil wir weinen, wütend, weil wir zuschlagen, ängstlich, weil wir zittern.

Allein war er damit nicht: Der dänische Arzt Carl Lange kam 1885 auf eine sehr ähnliche Idee, ein Jahr nachdem James sie im Aufsatz „What is an emotion?“ (Mind, 1884) skizziert hatte. Deshalb spricht die Psychologie von der James-Lange-Theorie.

Die Subtraktionsprobe: Was bleibt von der Angst ohne Körper?

Sein stärkstes Argument ist ein Gedankenexperiment. James schlägt vor, sich ein starkes Gefühl vorzustellen und ihm dann, eins nach dem anderen, die Körperempfindungen abzuziehen:

  • das rasende Herz,
  • den flachen Atem,
  • die zitternden Lippen,
  • die Gänsehaut,
  • den Knoten im Magen.

Was übrig bleibt, ist laut James keine Angst, sondern ein kaltes, fast verwaltungsmäßiges Urteil von der Art „das ist gefährlich“. Sein Schluss ist unmissverständlich: Eine körperlose menschliche Emotion ist ein Nichts.

Um das zu beschreiben, griff James zu einem Bild aus der Musik: Der ganze Organismus wirkt wie ein Resonanzboden. Jede Gefühlsnuance bringt eine andere Kombination aus Muskeln, Organen und Haut zum Schwingen.

Der Junge, der beim Anblick eines blutenden Pferdes ohnmächtig wurde

Als Beleg dafür, dass der Körper dem Bewusstsein vorauseilen kann, erzählt James eine eigene Erinnerung.

Mit sieben oder acht Jahren sah er zu, wie einem Pferd Blut abgelassen wurde, der Stock im Eimer voller Blut. Er spürte keine bewusste Angst und keinen Ekel; er wurde einfach ohnmächtig und erinnerte sich später an sein eigenes Erstaunen beim Aufwachen.

Für James zeigte das: Eine körperliche Reaktion kann feuern, bevor sich ein erkennbares Gefühl gebildet hat.

Welche Schlüsse James aus seiner Theorie zog

Wenn das Gefühl das Echo des Körpers ist, überlegte James, müsste eine veränderte Haltung das Gefühl verändern.

Seine Beobachtungen, sinngemäß:

  • Wer bis zehn zählt, bevor er seiner Wut Luft macht, dem erscheint ihr Anlass oft lächerlich.
  • Pfeifen, um sich Mut zu machen, sei keine bloße Redensart.
  • Wer eine Leidenschaft nicht ausdrückt, lässt sie sterben.
  • Der Philosoph Tommaso Campanella, so berichtete Edmund Burke, ahmte Gesicht und Haltung eines Menschen nach, um dessen Stimmung zu erraten.

James wertete außerdem eine Umfrage des Kritikers William Archer unter Schauspielern aus. Manche berichteten, auf der Bühne echte Tränen zu vergießen; andere, wie der Franzose Coquelin, spielten nach eigener Aussage kühl. Der Körper riss also nicht alle gleich mit.

Er kannte auch feinere, fast intellektuelle Gefühle wie das ästhetische Vergnügen. Chopins höchstes Lob für neue Musik soll „Rien ne me choque“ gewesen sein: Nichts stört mich.

Was hat die Forschung an der James-Lange-Theorie korrigiert?

Einiges. Die wichtigsten Einwände:

  • Walter Cannon (1927) argumentierte im American Journal of Psychology, die Eingeweide reagierten zu langsam und bei verschiedenen Gefühlen zu ähnlich, um allein den Unterschied zwischen Wut und Angst zu erklären. Daraus entstand die Cannon-Bard-Theorie.
  • Schachter und Singer (1962) spritzten Freiwilligen Adrenalin und schlugen vor, dass Emotion aus körperlicher Erregung plus einer kognitiven Deutung aus dem Kontext besteht. Ihre Ergebnisse ließen sich allerdings schwer replizieren.
  • Der Facial-Feedback-Effekt (lächeln, um sich besser zu fühlen) erlitt einen bekannten Rückschlag: 17 Labore mit 1.894 Teilnehmenden konnten das Stift-im-Mund-Experiment nicht reproduzieren (Wagenmakers et al., 2016). Eine spätere Metaanalyse von 138 Studien fand einen echten, aber kleinen und uneinheitlichen Effekt (Coles, Larsen und Lench, 2019).

Was James über Basisemotionen richtig sah: Der Körper zählt

Und doch ist die Grundidee besser gealtert, als es 1927 aussah.

  • Die Neurowissenschaft der Interozeption (der Wahrnehmung des inneren Körperzustands) beschreibt ein eigenes System, das dem Gehirn Herzschlag, Atmung und Temperatur meldet und das Craig (2002) mit der Grundlage subjektiver Gefühle verbindet.
  • James’ Satz, dass eine nicht ausgedrückte Leidenschaft verblasst, findet ein Echo in der Forschung zum Dampfablassen: Bushman (2002) beobachtete, dass Schläge auf einen Boxsack, während man an den Auslöser der Wut denkt, die Wut verstärkten statt sie zu verringern.
  • Paul Ekman (1992) vertrat eine Reihe von Grundemotionen (Freude, Traurigkeit, Wut, Angst, Ekel und Überraschung), jede mit eigenen Signalen und eigener Physiologie.
  • Lisa Feldman Barrett (2017) stellt diese feste Liste infrage, rückt mit ihrer Theorie der konstruierten Emotion aber die Körperempfindungen wieder ins Zentrum: Das Gehirn sagt voraus, was der Körper spürt, und deutet es mit erlernten Begriffen.

Ein mögliches Bild: James hielt das Gefühl für die Musik, die aus dem Resonanzboden kommt. Heute wirkt es eher wie eine Partitur, die das Gehirn aus diesem Klang und aus allem, was es vorher gehört hat, schreibt.

Diese Partitur genau zu benennen, hat messbare Wirkungen, wie der Beitrag Es benennen, um es zu zähmen erklärt.

Wie viele Basisemotionen gibt es? Eine offene Debatte

Die Liste der sechs, die in Lehrbüchern und auf Plakaten kursiert (Freude, Traurigkeit, Wut, Angst, Ekel und Überraschung), geht auf Paul Ekmans Arbeit mit Gesichtsausdrücken zurück. Sein Argument von 1992 lautete: Diese Emotionen haben Signale, die in vielen Kulturen erkannt werden, sie setzen schnell ein, dauern kurz und stützen sich auf eine eigene Physiologie.

Abgeschlossen ist diese Liste nicht, und die Diskussion hat drei Ergebnisse gebracht, die man kennen sollte:

  • Die Zahl hängt vom Blickwinkel ab. Rachael Jack, Oliver Garrod und Philippe Schyns (2014) erzeugten am Computer animierte Gesichter mit zufälligen Kombinationen von Muskelbewegungen und untersuchten, wie Betrachter sie im zeitlichen Verlauf deuteten. In den ersten Augenblicken eines Ausdrucks ließen sich nur vier Signale klar unterscheiden: Freude, Traurigkeit, ein Block aus Angst und Überraschung (weit aufgerissene Augen) und einer aus Ekel und Wut (gerümpfte Nase). Die Aufteilung in sechs kam erst danach.
  • Das Erkennen ist weniger universell als gedacht. Maria Gendron und ihr Team (2014) baten Angehörige der Himba im Nordwesten Namibias und US-Amerikaner, Fotos gestellter Gesichter nach Art der Emotion zu sortieren. Ohne Hinweise auf Emotionsbegriffe reproduzierten die Himba das angeblich universelle Muster nicht, das in der US-amerikanischen Gruppe sehr wohl auftauchte. Mit solchen Hinweisen näherten sie sich ihm an, doch die kulturellen Unterschiede blieben deutlich.
  • Das Gesicht allein verrät die Emotion nicht. Eine Übersichtsarbeit von Lisa Feldman Barrett und vier Kollegen (2019) kam zu dem Schluss, dass etwa ein Stirnrunzeln Wut zwar häufiger begleitet, als der Zufall erwarten ließe, aber längst nicht immer, und dass dieselbe Miene auch bei anderen Gefühlen vorkommt. Der Kontext wiegt so schwer wie der Muskel.

Unsere Lesart: Die Debatte hebt die Idee der Basisemotionen nicht auf, aber sie relativiert sie. Es gibt Familien von Reaktionen mit gemeinsamen biologischen Wurzeln, und wie jede Kultur sie ausdrückt, benennt und erkennt, schwankt deutlich stärker, als eine Liste von sechs nahelegt. Bemerkenswert ist, dass beide Lager in einem Punkt mit James übereinstimmen: Der Körper ist keine Kulisse der Emotion, sondern Teil ihres Stoffs.

Warum weinen wir eigentlich?

Hier ergänzt die moderne Forschung etwas, das James nicht wissen konnte.

Ad Vingerhoets von der Universität Tilburg widmete der Frage ein ganzes Buch (Why Only Humans Weep, 2013). Sein Fazit, gemeinsam mit Gračanin und Bylsma (2018) weiterentwickelt:

  • Emotionale Tränen scheinen dem Menschen vorbehalten zu sein.
  • Sie wirken vor allem als soziales Signal der Verletzlichkeit.
  • Wer jemanden weinen sieht, empfindet eher Mitgefühl und ist eher bereit zu helfen.

Weinen „erzeugt“ also nicht nur Traurigkeit, wie James dachte: Es teilt sie auch anderen mit.

Zu unterscheiden, welches Gefühl zuerst auftaucht und welches danach kommt, ist genau das Thema der emotionalen Selbstwahrnehmung, und der Test zu primären und sekundären Emotionen zeigt dir dein eigenes Muster.

Quellen

  • James, W. (1890). The Principles of Psychology. Henry Holt and Company.
  • James, W. (1884). What is an emotion? Mind, 9(34), 188-205.
  • Cannon, W. B. (1927). The James-Lange theory of emotions: A critical examination and an alternative theory. The American Journal of Psychology, 39, 106-124.
  • Schachter, S., & Singer, J. E. (1962). Cognitive, social, and physiological determinants of emotional state. Psychological Review, 69(5), 379-399.
  • Ekman, P. (1992). An argument for basic emotions. Cognition and Emotion, 6(3-4), 169-200.
  • Craig, A. D. (2002). How do you feel? Interoception: the sense of the physiological condition of the body. Nature Reviews Neuroscience, 3, 655-666. https://doi.org/10.1038/nrn894
  • Bushman, B. J. (2002). Does venting anger feed or extinguish the flame? Personality and Social Psychology Bulletin, 28(6), 724-731.
  • Wagenmakers, E.-J., et al. (2016). Registered Replication Report: Strack, Martin, & Stepper (1988). Perspectives on Psychological Science, 11(6), 917-928. https://doi.org/10.1177/1745691616674458
  • Coles, N. A., Larsen, J. T., & Lench, H. C. (2019). A meta-analysis of the facial feedback literature: Effects of facial feedback on emotional experience are small and variable. Psychological Bulletin, 145(6), 610-651. https://doi.org/10.1037/bul0000194
  • Barrett, L. F. (2017). How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. Houghton Mifflin Harcourt.
  • Barrett, L. F., Adolphs, R., Marsella, S., Martinez, A. M., & Pollak, S. D. (2019). Emotional expressions reconsidered: Challenges to inferring emotion from human facial movements. Psychological Science in the Public Interest, 20(1), 1-68. https://doi.org/10.1177/1529100619832930
  • Jack, R. E., Garrod, O. G. B., & Schyns, P. G. (2014). Dynamic facial expressions of emotion transmit an evolving hierarchy of signals over time. Current Biology, 24(2), 187-192. https://doi.org/10.1016/j.cub.2013.11.064
  • Gendron, M., Roberson, D., van der Vyver, J. M., & Barrett, L. F. (2014). Perceptions of emotion from facial expressions are not culturally universal: Evidence from a remote culture. Emotion, 14(2), 251-262. https://doi.org/10.1037/a0036052
  • Vingerhoets, A. (2013). Why Only Humans Weep: Unravelling the Mysteries of Tears. Oxford University Press.
  • Gračanin, A., Bylsma, L. M., & Vingerhoets, A. J. J. M. (2018). Why only humans shed emotional tears: Evolutionary and cultural perspectives. Human Nature, 29(2), 104-133. https://doi.org/10.1007/s12110-018-9312-8

Häufig gestellte Fragen

Was sind Basisemotionen?

Nach dem Vorschlag von Paul Ekman (1992) in Cognition and Emotion eine kleine Gruppe von Gefühlen (Freude, Traurigkeit, Wut, Angst, Ekel und Überraschung) mit Gesichtsausdrücken, die in vielen Kulturen erkannt werden, schnellem Beginn und kurzer Dauer. Man spricht auch von Grundemotionen. Die Liste ist umstritten: Lisa Feldman Barrett etwa argumentiert, dass Emotionen konstruiert werden und stärker variieren, als dieses Modell annimmt.

Was besagt die James-Lange-Theorie?

Dass eine Emotion die Wahrnehmung der körperlichen Veränderungen ist, die eine Situation auslöst. William James (1884 und 1890) und der dänische Arzt Carl Lange (1885) kamen unabhängig voneinander darauf: Wir zittern nicht, weil wir Angst haben; das Zittern, den Puls und den flachen Atem zu spüren, ist zu einem großen Teil die Angst.

Warum weinen wir, wenn wir traurig sind?

Die Forschung von Ad Vingerhoets und seinem Team deutet darauf hin, dass emotionale Tränen, die offenbar nur der Mensch vergießt, vor allem als soziales Signal wirken: Sie zeigen Verletzlichkeit und wecken bei anderen eher Mitgefühl und Hilfsbereitschaft (Gračanin, Bylsma und Vingerhoets, 2018).

Stimmt es, dass Lächeln glücklicher macht?

Nur ein wenig. Eine Replikation in 17 Laboren (Wagenmakers et al., 2016) konnte das berühmte Stift-im-Mund-Experiment nicht bestätigen, und eine Metaanalyse von 138 Studien (Coles, Larsen und Lench, 2019) kam zu dem Schluss, dass der Gesichtsausdruck Gefühle zwar beeinflusst, die Effekte aber klein und uneinheitlich sind.

Ersetzt dieser Artikel eine professionelle Einschätzung meiner Gefühle?

Nein. Er fasst die Theorie von William James und spätere Forschung zu Informations- und Bildungszwecken zusammen. Wenn Traurigkeit, Angst oder häufiges Weinen starkes oder anhaltendes Leid verursachen, ist der richtige Weg, eine Fachperson für psychische Gesundheit aufzusuchen.