Selbstwertgefühl: Die Formel von 1890, die erklärt, warum Silber mehr schmerzt als Bronze
1890 schrieb ein Harvard-Professor das Selbstwertgefühl auf wie eine Divisionsaufgabe aus der Grundschule. Ein Jahrhundert später fingen Fernsehkameras bei Olympischen Spielen etwas scheinbar Absurdes ein: Die Dritten auf dem Podest lächelten mehr als die Zweiten.
Der Professor war William James, die Formel steht im zehnten Kapitel seiner Principles of Psychology, das vom Bewusstsein des Selbst handelt.
Sie gehört zu den meistzitierten Ideen über den Selbstwert in der Geschichte der Psychologie, und zugleich zu den am häufigsten missverstandenen.
Was ist Selbstwertgefühl nach William James? Ein Bruch
Die Formel lautet:
- Selbstwertgefühl = Erfolg / Ansprüche
Im Zähler steht, was du erreichst. Im Nenner, was du dir vorgenommen hast.
Die mathematische Folge ist sofort klar, und James spricht sie aus: Der Bruch wird größer, wenn der Zähler wächst oder der Nenner schrumpft. Deshalb schreibt er sinngemäß, Ansprüche aufzugeben sei eine ebenso wohltuende Erleichterung, wie sie erfüllt zu sehen.
Seine Beispiele sind von fast komischer Ehrlichkeit:
- Der Tag, an dem man endlich aufhört, jung oder schlank sein zu wollen: Gott sei Dank, sagt man, diese Illusionen sind vorbei.
- Ein Mann, der im amerikanischen Bürgerkrieg alles verlor, sich im Staub wälzte und sagte, er habe sich seit seiner Geburt nicht so frei und glücklich gefühlt.
- Ein Satz von Thomas Carlyle, dem Sinn nach: Setz deinen Lohnanspruch auf null, dann liegt dir die Welt zu Füßen.
Der Psychologe, der kein Griechisch konnte (und dem das egal war)
Der Kern liegt nicht in der Division, sondern darin, was als Anspruch zählt.
James nimmt sich selbst als Beispiel: Er habe alles darauf gesetzt, Psychologe zu sein, und fühle sich gekränkt, wenn andere viel mehr Psychologie wüssten als er.
In seiner völligen Unkenntnis des Griechischen dagegen fühle er sich ganz wohl, denn Sprachwissenschaftler wollte er nie werden. Scheitern tut nicht abstrakt weh: Es tut nur dort weh, wo man sich selbst eingesetzt hat.
Und weil niemand auf alles setzen kann, zählt James die Ichs auf, die er gern gleichzeitig wäre: gutaussehend, Spitzensportler, jemand mit „einer Million im Jahr“, geistreich, Lebemann, Frauenheld, Philosoph, Philanthrop, Staatsmann, Krieger, Afrikaforscher, Tondichter und Heiliger.
Das ist unmöglich: Der Millionär stünde dem Heiligen im Weg, der Philosoph und der Frauenheld hätten nicht unter einem Dach Platz. Ein Ich zu wählen heißt auch zu wählen, wo man scheitern darf.
Warum sich der Zweitbeste der Welt schämt
Dann folgt die Stelle, die sich ein Jahrhundert später wie eine Vorhersage liest. James beschreibt das Paradox eines Mannes, der sich zu Tode schämt, weil er nur der zweitbeste Boxer oder Ruderer der Welt ist.
Dass er die gesamte Weltbevölkerung bis auf einen schlagen kann, bedeutet ihm nichts. Er hatte sich vorgenommen, genau diesen einen zu schlagen, und das macht alles andere zunichte. Der Schwächling, den alle besiegen, leidet dagegen überhaupt nicht, weil er diesen Anspruch längst aufgegeben hat.
Silber gegen Bronze: Was die Olympia-Kameras zeigten
1995 ließen Victoria Medvec, Scott Madey und Thomas Gilovich Studierende anhand von Fernsehaufnahmen die Gesichter von Medaillengewinnern der Spiele von Barcelona 1992 bewerten, direkt nach dem Wettkampf und auf dem Podest.
Das Ergebnis: Die Bronzegewinner wirkten glücklicher als die Silbergewinner. Ihre Erklärung war das kontrafaktische Denken, der Vergleich mit dem, was hätte sein können:
- Wer Silber holt, vergleicht sich mit dem Gold, das zum Greifen nah war.
- Wer Bronze holt, vergleicht sich mit Platz vier, mit dem Heimweg ohne Medaille.
Der Befund blieb kein Einzelfall:
- Matsumoto und Willingham (2006) kodierten die Mimik der Judo-Medaillengewinner von Athen 2004. Direkt nach dem letzten Kampf lächelten 13 von 14 Olympiasiegern und 18 von 26 Bronzegewinnern mit auswertbarem Foto. Keiner der 14 Silbermedaillengewinner lächelte.
- Auf dem Podest lächelten fast alle, doch das Lächeln der Silbergewinner war häufiger kontrolliert oder mit Traurigkeit vermischt.
- Hedgcock, Luangrath und Webster (2021) werteten per Gesichtserkennungssoftware 413 Athletinnen und Athleten aus 67 Ländern bei fünf Spielen (2000 bis 2016) aus: Bronzegewinner lächelten mit höherer Wahrscheinlichkeit als Silbergewinner.
Die entscheidende Präzisierung kam von McGraw, Mellers und Tetlock (2005): Die eigenen Erwartungen wiegen schwer. Wer mit Gold gerechnet hat, erlebt Silber als Niederlage.
Das ist, Wort für Wort, der Nenner von James.
Was sagt die heutige Psychologie über den Selbstwert?
2001 veröffentlichten Jennifer Crocker und Connie Wolfe in der Psychological Review ihre Theorie der Kontingenzen des Selbstwerts, die ausdrücklich an James anknüpft:
- Der Selbstwert eines Menschen schwankt um sein gewohntes Niveau.
- Diese Schwankungen hängen vor allem von Erfolgen und Misserfolgen in den Bereichen ab, an die er seinen Wert geknüpft hat: Aussehen, Anerkennung durch andere, Leistung in der Ausbildung, Tugend.
- In Bereichen, die ihm gleichgültig sind, hinterlässt ein Misserfolg kaum Spuren, wie das Griechisch bei James.
Das ist dasselbe Terrain, auf dem sich der selbstbezogene Perfektionismus bewegt, wenn die Latte von einem selbst sehr hoch gelegt wird.
Was die Formel richtig sah und was nicht
Im Kern hatte James recht: Das Selbstwertgefühl spiegelt nicht die bloße Leistung, sondern ihr Verhältnis zu dem, was man von sich erwartet hat.
Wörtlich genommen hält der Bruch aber nicht:
- Er ist kein Messinstrument. James meinte ihn als Bild. In der Forschung werden Fragebögen eingesetzt, etwa die Rosenberg-Skala (1965) mit zehn Aussagen.
- Den Nenner legt man nicht allein fest. James selbst schrieb, ein Mensch habe so viele soziale Ichs, wie es Gruppen gibt, deren Meinung ihm wichtig ist, und von allen ignoriert zu werden wäre schlimmer als die grausamste körperliche Folter.
- Verzicht entlastet nicht immer. Ein Ziel zu senken kann Ruhe bedeuten oder Rückzug; die Formel unterscheidet das nicht.
Was sie erklärt, ist, warum dieselbe Medaille als Triumph oder als Verlust erlebt werden kann. Der Selbstwertgefühl-Test zeigt, wo deine eigene allgemeine Selbstbewertung liegt, und warum ein eigener Fehler fast wie ein Schlag wirken kann, beschreibt warum dein Gehirn auf Selbstkritik wie auf eine körperliche Bedrohung reagiert.
Quellen
- James, W. (1890). The Principles of Psychology. Henry Holt and Company.
- Medvec, V. H., Madey, S. F., & Gilovich, T. (1995). When less is more: Counterfactual thinking and satisfaction among Olympic medalists. Journal of Personality and Social Psychology, 69(4), 603-610. https://doi.org/10.1037/0022-3514.69.4.603
- Matsumoto, D., & Willingham, B. (2006). The thrill of victory and the agony of defeat: Spontaneous expressions of medal winners of the 2004 Athens Olympic Games. Journal of Personality and Social Psychology, 91(3), 568-581. https://doi.org/10.1037/0022-3514.91.3.568
- McGraw, A. P., Mellers, B. A., & Tetlock, P. E. (2005). Expectations and emotions of Olympic athletes. Journal of Experimental Social Psychology, 41(4), 438-446. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2004.09.001
- Hedgcock, W. M., Luangrath, A. W., & Webster, R. (2021). Counterfactual thinking and facial expressions among Olympic medalists: A conceptual replication of Medvec, Madey, and Gilovich’s (1995) findings. Journal of Experimental Psychology: General, 150(6), e13-e21. https://doi.org/10.1037/xge0000992
- Crocker, J., & Wolfe, C. T. (2001). Contingencies of self-worth. Psychological Review, 108(3), 593-623. https://doi.org/10.1037/0033-295X.108.3.593
- Rosenberg, M. (1965). Society and the adolescent self-image. Princeton University Press.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist die Selbstwert-Formel von William James?
In den Principles of Psychology (1890) schrieb William James, das Selbstwertgefühl entspreche einem Bruch: Erfolg geteilt durch Ansprüche. Wie wir uns selbst bewerten, hinge demnach davon ab, was wir erreichen, gemessen an dem, worauf wir uns in den uns wichtigen Bereichen festgelegt haben. James meinte die Formel als Veranschaulichung, nicht als geprüftes Messinstrument.
Stimmt es, dass Bronzemedaillengewinner glücklicher sind als Silbermedaillengewinner?
Mehrere Studien deuten darauf hin. Medvec, Madey und Gilovich (1995) fanden, dass Bronzegewinner bei Olympia 1992 in Barcelona zufriedener wirkten als Silbergewinner. Bei Matsumoto und Willingham (2006) lächelte keiner der 14 Judo-Silbermedaillengewinner von Athen 2004 direkt nach dem Finalkampf, und Hedgcock, Luangrath und Webster (2021) bestätigten das Muster an 413 Athletinnen und Athleten aus fünf Olympischen Spielen.
Warum kann sich der zweite Platz schlechter anfühlen als der dritte?
Die klassische Erklärung ist kontrafaktisches Denken: Wer Silber gewinnt, vergleicht sich mit dem knapp verpassten Gold, wer Bronze gewinnt, mit dem Ausscheiden ohne Medaille. McGraw, Mellers und Tetlock (2005) ergänzten, dass die eigenen Erwartungen stark mitentscheiden: Wer Gold erwartet hat, erlebt Silber als Verlust. Das ist, modern gesagt, der Nenner in James' Formel.
Hängt der Selbstwert von allem ab, was wir tun?
Nein, laut der Theorie der Kontingenzen des Selbstwerts von Crocker und Wolfe (2001), die ausdrücklich an James anknüpft. Der Selbstwert steigt und sinkt vor allem mit Erfolgen und Misserfolgen in den Bereichen, an die ein Mensch seinen Wert geknüpft hat, und bewegt sich in anderen Bereichen kaum.
Ersetzt dieser Artikel eine professionelle Einschätzung meines Selbstwertgefühls?
Nein. Er fasst historische Ideen und psychologische Forschung zu Informations- und Bildungszwecken zusammen. Wenn die Art, wie du dich selbst bewertest, dich deutlich oder dauerhaft belastet, ist der richtige Schritt ein Gespräch mit einer Fachperson für Psychologie oder Psychotherapie.