Personaramic
Selbsterkenntnis und Wohlbefinden

Warum entdeckte die Wissenschaft, dass Narzissten sich innerlich nicht selbst hassen?

Von Rafa Personaramic5 Min. Lesezeit
Minimalistische Illustration eines Handspiegels aus Rasterpunkten

Jahrelang lautete die naheliegende Erklärung für Narzissmus: Im Grunde hasst sich jeder Narzisst selbst. Die Forschung, die Kristin Neff in Selbstmitgefühl untersucht, deutet genau in die entgegengesetzte Richtung.

Neff, Psychologin an der University of Texas in Austin, widmet mehrere Seiten ihres Buches (2011) einer unbequemen Wendung in der Selbstwert-Forschung: Die verfügbaren Daten stellen nicht nur infrage, ob man um jeden Preis nach hohem Selbstwertgefühl streben sollte, sondern entkräften auch eine der meistwiederholten Erklärungen dafür, warum es Narzissmus überhaupt gibt.

Das Instrument, das den Mythos auf die Probe stellte

Um zu prüfen, ob der Narzisst sich „in Wirklichkeit“ innerlich selbst hasst, musste man etwas messen, das die Person nicht einfach mit Worten angeben konnte. Hier kommt der Implizite Assoziationstest (IAT) ins Spiel: ein Computertest, der misst, wie schnell jemand das Label „ich“ mit positiven Wörtern („wunderbar“) gegenüber negativen Wörtern („schrecklich“) verknüpft.

  • Eine schnelle Verknüpfung zwischen „ich“ und Positivem (und eine langsame zwischen „ich“ und Negativem) zeigt ein hohes implizites Selbstwertgefühl an.
  • Das entgegengesetzte Muster zeigt ein niedriges implizites Selbstwertgefühl an.
  • Laut Neff erzielen Menschen mit hohen Werten im narzisstischen Persönlichkeitsinventar (einer Skala mit Aussagen wie „ich glaube, ich bin eine besondere Person“ oder „ich schaue mich gerne in Spiegeln an“) hohe Werte sowohl explizit als auch implizit.
  • Das Muster, das die Hypothese der „verborgenen Unsicherheit“ vorhersagen würde — eine positive Fassade nach außen und eine automatische Selbstablehnung nach innen — taucht in diesen Daten nicht auf.

Warum der Mythos so attraktiv blieb

Das Buch zitiert ein konkretes Beispiel dafür, wie diese Idee in der öffentlichen Debatte kursierte: Ein Fernsehkommentator behauptete über junge Berühmtheiten, dass innerlich „eine kleine Stimme“ ihnen wiederhole, sie seien nicht gut genug. Neff verweist auf eine reale Aussage von Paris Hilton gegenüber der Sunday Times 2006 („es gibt niemanden auf der Welt wie mich… gerade jetzt bin ich diese Ikone“) als Beispiel für die Art von Aussage, die meist als Fassade gelesen wird, und stellt dieser Lesart die tatsächlichen IAT-Daten gegenüber.

Das Experiment, das wirklich etwas Reales offenbart: was passiert, wenn das Ego sich bedroht fühlt

Wenn das hohe Selbstwertgefühl des Narzissten keine Tarnung ist, woher kommt dann seine so heftige Reaktion auf Kritik? Neff greift ein klassisches Experiment auf (Bushman und Baumeister, 1998), das genau darauf eine Antwort geben sollte.

  1. Teilnehmende sollten einen Aufsatz schreiben, der angeblich von einer Person in einem anderen Raum gelesen und bewertet werden würde (die es in Wirklichkeit nicht gab).
  2. Die erhaltene „Bewertung“ war zufällig entweder ein Lob („keine Verbesserungsvorschläge, perfekt“) oder eine Beleidigung („einer der schlechtesten Aufsätze, die ich je gelesen habe“).
  3. Anschließend sollten die Teilnehmenden in einer separaten Aufgabe Lautstärke und Dauer eines störenden Geräuschs festlegen, das an diese „Person“ gerichtet war, dargestellt als Teil einer Lernübung.
  4. Die Teilnehmenden mit hohen narzisstischen Werten, die die negative Kritik erhalten hatten, verhängten die intensivsten und längsten Klangstrafen.

Neffs Deutung: Die Aggressivität entsteht nicht, weil der Narzisst sich innerlich schlecht fühlt, sondern als direkte Reaktion auf eine punktuelle Bedrohung eines Selbstbildes, das bis zu diesem Moment ohne Risse Bestand hatte.

Das eigentliche Problem ist nicht Narzissmus, sondern wovon das Selbstwertgefühl abhängt

Neff weitet den Fokus über den klinischen Narzissmus hinaus aus. Sie zitiert den Begriff, den Psychologen für ein viel weiter verbreitetes Muster verwenden: das kontingente (oder „zufällige“) Selbstwertgefühl, das von Erfolg, Anerkennung oder Vergleich in einem bestimmten Bereich abhängt — Aussehen, berufliche Leistung, Beliebtheit, sogar die wahrgenommene Zustimmung von Fremden.

  • Je stärker das Selbstwertgefühl von einem bestimmten Bereich abhängt, desto schlechter fühlt sich die Person, laut der zitierten Forschung, wenn sie genau in diesem Bereich scheitert.
  • Das Ergebnis ähnelt, in den Worten der Autorin, einer emotionalen Achterbahn: Euphorie bei Erfolg, Verzweiflung bei Misserfolg, ohne stabile Mitte.
  • Neff verwendet den akademischen Begriff „hedonistische Tretmühle“ (Brickman und Campbell, 1971), um die Notwendigkeit einer immer größeren Dosis Anerkennung oder Erfolg zu beschreiben, um dasselbe Wohlbefindensniveau aufrechtzuerhalten.
  • Ein Detail, das sie als historischen Kontext anführt: Ein vom Bundesstaat Kalifornien in Auftrag gegebener Bericht, der die Vorteile der Förderung des schulischen Selbstwertgefühls belegen sollte, fand die meisten der erwarteten Ergebnisse nicht.

Die Landkarte mit dem Gebiet verwechseln

Eine der zentralen Metaphern des Buches vergleicht das Selbstbild, das jeder von sich hat, mit einem Gemälde: eine Darstellung, nicht die Realität selbst. Neff vergleicht es damit, gemalte Früchte in einem Stillleben mit echten Früchten zu verwechseln und sich zu frustrieren, wenn man feststellt, dass man sie nicht essen kann.

  • Das Selbstkonzept, argumentiert sie, ist immer eine vereinfachte Version von etwas viel Komplexerem: Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die sich je nach Moment, Stimmung und Kontext verändern.
  • An einem festen, positiven Selbstbild festzuhalten, funktioniert nach ihrer Darstellung eher wie ein aufblasbares Floß mit einem Loch: Es trägt eine Weile, verlangt aber ständige Anstrengung, um nicht unterzugehen.
  • Die Alternative, die das Buch vorschlägt, besteht nicht darin, ein positives Selbstbild durch ein negatives zu ersetzen, sondern aufzuhören, ein festes Etikett von „gut“ oder „schlecht“ zu brauchen, um innerlich im Reinen zu sein.

Was Neff als Alternative vorschlägt, laut ihrer eigenen Forschung

Der Schluss von Neffs Argumentation ist keine ausweglose Kritik am Selbstwertgefühl, sondern ein konkreter Vorschlag, den sie selbst erforscht hat: Selbstmitgefühl böte laut ihren Daten einen ähnlichen emotionalen Schutz vor destruktiver Selbstkritik wie ein hohes Selbstwertgefühl, ohne davon abzuhängen, sich besonders oder anderen überlegen zu fühlen. Da es weder Vergleich noch ständigen Erfolg erfordert, unterläge es nicht demselben Achterbahn-Muster, das sie für das kontingente Selbstwertgefühl beschreibt.

Hinweis: Dieser Artikel fasst populärwissenschaftliche Ideen aus dem Buch Selbstmitgefühl von Kristin Neff ausschließlich zu Informationszwecken zusammen. Er ist kein diagnostisches Kriterium für Narzissmus oder ein anderes Persönlichkeitsmerkmal oder -störung. Wenn ein solches Muster Unwohlsein bei einem selbst oder in nahen Beziehungen erzeugt, ist die Einschätzung durch eine approbierte Fachperson für psychische Gesundheit ratsam.

Dieser Mechanismus, bei dem das Selbstwertgefühl vom Vergleichen und Konkurrieren abhängt, knüpft an das an, was bereits zur Gehirnchemie der Selbstkritik erklärt wird.

Quellen

  • Neff, K. (2011). Self-Compassion: The Proven Power of Being Kind to Yourself (auf Deutsch erschienen als Selbstmitgefühl). William Morrow.
  • Bushman, B. J., und Baumeister, R. F. (1998). Threatened egotism, narcissism, self-esteem, and direct and displaced aggression: Does self-love or self-hate lead to violence? Journal of Personality and Social Psychology, 75(1), 219-229.
  • Brickman, P., und Campbell, D. T. (1971). Hedonic relativism and planning the good society. In M. H. Appley (Hrsg.), Adaptation-Level Theory: A Symposium. Academic Press.

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Häufig gestellte Fragen

Haben Narzissten im Grunde ein geringes Selbstwertgefühl?

Die Forschung, die Kristin Neff in Selbstmitgefühl zusammenträgt, deutet auf das Gegenteil hin: Beim impliziten Assoziationstest, der automatische Einstellungen zu sich selbst jenseits dessen misst, was die Person bewusst angibt, fallen die Werte narzisstischer Personen sowohl explizit als auch implizit hoch aus, ohne Hinweis auf eine systematisch verborgene Unsicherheit.

Schützt ein hohes Selbstwertgefühl davor, sich schlecht zu fühlen?

Laut der im Buch zitierten Forschung hängt das von seinem Ursprung ab: Ein Selbstwertgefühl, das von Erfolg, Anerkennung oder Vergleich abhängt (das Psychologen als kontingentes Selbstwertgefühl bezeichnen), sagt größeres, nicht geringeres Unwohlsein voraus, wenn in genau diesem Bereich ein Misserfolg eintritt.

Was ist kontingentes oder 'zufälliges' Selbstwertgefühl?

Es ist der Begriff, den Psychologen laut Neff für ein Selbstwertgefühl verwenden, das von Erfolg oder Misserfolg in konkreten Bereichen abhängt (Aussehen, soziale Anerkennung, berufliche Leistung). Je stärker das eigene Wertgefühl von einem bestimmten Bereich abhängt, desto schlechter fühlt sich die Person laut der Forschung, wenn sie genau dort versagt.

Bedeutet das, dass Selbstwertgefühl generell negativ ist?

Laut dem Buch nicht: Es unterscheidet zwischen einem gesunden Selbstwertgefühl (das nicht davon abhängt, sich anderen überlegen zu fühlen) und einem unsicheren oder kontingenten Selbstwertgefühl, und weist darauf hin, dass die meisten gängigen Messskalen nicht zwischen beiden unterscheiden, was es erschwert, einen hohen Wert ohne weiteren Kontext zu interpretieren.