Was ist Intelligenz? Nicht einmal Experten sind sich einig
Seit über einem Jahrhundert versuchen sie es. Ganze universitäre Fachbereiche widmen sich dem Thema. Und trotzdem sind sich Intelligenzforscher nicht einmal über etwas so Grundlegendes einig wie das, was sie eigentlich untersuchen.
Es fehlt nicht an Forschung.
Es fehlt nicht an Interesse.
Es liegt daran, dass das Wort „Intelligenz“ selbst, so wie es in der Alltagssprache verwendet wird, überraschend schwer zu fassen ist, sobald man versucht, es wirklich präzise zu bestimmen.
Fast so viele Definitionen wie Experten
Der Psychologe Arthur Jensen fasst es in The g Factor (1998) mit einem Satz zusammen, der wenig Raum für Zweideutigkeit lässt: „Es gibt keinen anderen Begriff in der Psychologie, der sich als schwieriger zu definieren erwiesen hat als ‘Intelligenz’“. Und fügt etwas noch Deutlicheres hinzu: Es gibt fast so viele verschiedene Definitionen von ‘Intelligenz’ wie Experten, die versucht haben, sie zu definieren.
Es ist nicht so, dass jeder Experte eine leicht abweichende Definition derselben Idee vorschlägt. Es ist so, dass sie den Fokus auf wirklich unterschiedliche Aspekte legen:
- Manche definieren sie über die Fähigkeit, zu schlussfolgern und neue Probleme zu lösen.
- Andere über die Fähigkeit, sich an veränderliche Situationen anzupassen.
- Andere über die Geschwindigkeit oder Effizienz des Lernens.
- Wieder andere schließen die Fähigkeit zur Abstraktion ein, oder zum Umgang mit Symbolen, oder zur langfristigen Planung.
Jeder dieser Vorschläge ist für sich genommen vernünftig. Das Problem ist, dass sie zusammengenommen nicht ein einziges Konzept abgrenzen, sondern mehrere, teils überlappende, ohne dass es ein gemeinsames Kriterium gäbe, um zu entscheiden, welches „die“ richtige Definition ist.
Spearmans Lösung: aufhören, über das Wort zu streiten, und die Korrelation messen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts traf der britische Psychologe Charles Spearman eine methodische Entscheidung, die den Kurs des gesamten Feldes verändern sollte: Statt weiter darüber zu streiten, was „Intelligenz“ abstrakt sei, nahm er sich vor, etwas viel Konkreteres und Messbareres zu beobachten.
Spearman ging von einem empirischen Befund aus, den frühere Denker wie Herbert Spencer und Francis Galton bereits erahnt hatten: Die Ergebnisse in sehr unterschiedlichen mentalen Tests (Wortschatz, numerisches Schlussfolgern, räumliche Orientierung) korrelieren tendenziell positiv miteinander. Wer in einem Test hoch punktet, tendiert dazu, auch in den anderen hoch zu punkten, obwohl diese auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben.
Um das rigoros zu prüfen, erfand Spearman die Faktorenanalyse, ein statistisches Verfahren, das bestimmen kann, in welchem Maß jeder dieser Tests mit einem zugrunde liegenden gemeinsamen Faktor zusammenhängt. Diesen gemeinsamen Faktor, der auf die eine oder andere Weise in jeder Aufgabe präsent ist, die mentale Anstrengung erfordert, nannte er schlicht g (von „general“, allgemein).
Eine Anekdote, die die Idee besser zusammenfasst als jede technische Definition
Jensen greift, um genau diese Intuition zu veranschaulichen, lange bevor es die Faktorenanalyse gab, eine Anekdote um den Schriftsteller Samuel Johnson (1709-1784) auf.
Ein anerkannter Historiker behauptete gegenüber Johnson, es seien sehr unterschiedliche Talente gewesen, dank derer Caesar ein großer Feldherr, Shakespeare ein großer Dichter und Newton ein großer Wissenschaftler geworden sei. Johnsons Antwort war unmissverständlich:
„Nein, es ist nur so, dass der eine Mann mehr Verstand hat als der andere; er kann ihn in eine andere Richtung lenken oder das eine Studium dem anderen vorziehen. Mein Herr, der Mann mit Kraft kann ebenso gut nach Norden gehen wie nach Süden, nach Osten wie nach Westen.“
Zwei Jahrhunderte vor Spearman ahnte Johnson bereits in einem einzigen Satz, was die Faktorenanalyse mit Zahlen belegen sollte: dass hinter scheinbar so unterschiedlichen Talenten wie militärischer Führung, Dichtkunst und Wissenschaft etwas Gemeinsames stecken könnte, eine Art allgemeine mentale „Kraft“, anwendbar in jede beliebige Richtung.
Warum das kein reines akademisches Wortspiel ist
Es mag scheinen, als würde man mit dem Wechsel von „Intelligenz“ zu „Faktor g“ nur ein schwer definierbares Wort durch ein ebenso abstraktes ersetzen. Das ist nicht so, und der Unterschied zählt:
- „Intelligenz“ ist ein Wort der Alltagssprache, aufgeladen mit unterschiedlichen Konnotationen je nachdem, wer es verwendet.
- „g“ ist ein statistischer Faktor, operativ definiert anhand realer Korrelationsmuster zwischen Tests, nicht anhand einer vorherigen Intuition darüber, was intelligent zu sein „bedeuten sollte“.
- Das ermöglicht etwas, was die philosophische Debatte über das Wort „Intelligenz“ nie bieten konnte: zu messen, wie viel von diesem gemeinsamen Faktor jeder konkrete Test widerspiegelt, Tests untereinander zu vergleichen und überprüfbare empirische Evidenz über seine biologischen Korrelate und seine Rolle in realen Lebensergebnissen zu sammeln.
Spearman löste die philosophische Debatte darüber, was „Intelligenz“ sei, nicht. Er wich ihr, mit gutem Urteil, aus und schlug stattdessen eine Frage vor, die sich mit Daten beantworten ließ: Gibt es einen allen mentalen Fähigkeiten gemeinsamen Faktor, und wie lässt er sich messen?
Was bleibt, wenn man aufhört, über das Wort zu streiten
Mehr als ein Jahrhundert nach Spearman hat das Wort „Intelligenz“ noch immer keine einzige, von allen Experten akzeptierte Definition. Und wahrscheinlich wird es sie nie haben, weil es vor allem ein Wort des Alltagsgebrauchs ist, kein technischer Begriff mit präzisen Grenzen.
Was hingegen existiert, mit einem Jahrhundert angesammelter Forschung dahinter, ist ein gut charakterisierter statistischer Faktor, mit messbaren biologischen Korrelaten (von der Energieeffizienz des Gehirns bis zur Reaktionszeit in Millisekunden) und mit nachgewiesener Vorhersagekraft in so unterschiedlichen Bereichen wie akademischer Leistung oder Verkehrssicherheit.
Vielleicht wird man sich nie darauf einigen, was genau „intelligent“ zu sein bedeutet. Aber das war, wie Spearman vor über einem Jahrhundert zeigte, in Wirklichkeit gar nicht die Frage, die es zu beantworten galt.
Quellen
- Jensen, A. R. (1998). The g Factor: The Science of Mental Ability. Praeger.
- Spearman, C. (1904). “General intelligence”, objectively determined and measured. The American Journal of Psychology, 15(2), 201-292.
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Häufig gestellte Fragen
Warum sind sich Psychologen bei der Definition von 'Intelligenz' nicht einig?
Laut Arthur Jensen in The g Factor (1998) versuchen sie es seit über einem Jahrhundert und sind zu keinem Konsens gekommen: Es gibt fast so viele verschiedene Definitionen wie Experten, die sie vorgeschlagen haben, jede mit dem Schwerpunkt auf einem anderen Aspekt (Schlussfolgern, Anpassung, Lernen, Problemlösung ...).
Wenn es keine Einigkeit darüber gibt, was Intelligenz ist, was ist dann der 'Faktor g'?
Es ist ein anderes, präziseres Konzept: Der Psychologe Charles Spearman entdeckte, dass die Leistung in sehr unterschiedlichen mentalen Tests (verbal, numerisch, räumlich) tendenziell korreliert. Diesen ihnen allen gemeinsamen statistischen Faktor nannte er g, ohne zuvor definieren zu müssen, was 'Intelligenz' abstrakt bedeutet.
Ist der Faktor g dasselbe wie ein IQ-Test?
Nicht ganz. Ein IQ-Test ist ein konkretes Messinstrument; g ist der zugrunde liegende statistische Faktor, den dieses Instrument mehr oder weniger gut zu erfassen versucht. Verschiedene IQ-Tests haben eine unterschiedliche 'g-Ladung', das heißt, sie spiegeln ihn mehr oder weniger rein wider.
Will dieser Artikel eine abschließende Definition von Intelligenz liefern?
Nein. Er fasst populärwissenschaftlich zusammen, warum sich die wissenschaftliche Psychologie davon entfernte, über ein Wort des Alltagsgebrauchs zu streiten, und stattdessen begann, eine konkrete statistische Regelmäßigkeit zu messen. Er bietet oder verteidigt keine einzige, endgültige Definition des Begriffs.