Die angeblich 3000 Jahre alte Klage, die erklärt, wie jede Generation Scheitern im Geschäft sieht
Eine viel zitierte Klage, die einer babylonischen Tafel von etwa 1000 v. Chr. zugeschrieben wird, deren Original nie belegt wurde, lautet: „Die Jugend von heute ist verdorben und schlecht, gottlos und faul. Sie wird nie sein wie die von früher, sie wird unsere Kultur nicht bewahren können.“ Dreitausend Jahre später könnte derselbe Satz fast wörtlich in jedem Büro fallen.
Robert Greene führt ihn in Die Gesetze der menschlichen Natur (2018) an, als wäre er eine echte Inschrift. Das ist er nicht, oder zumindest hat niemand das Original gefunden. Das Phänomen, das er illustriert, ist aber real, und die Psychologie hat es gemessen. Greene nutzt ihn als Beleg für ein Muster, das er das Gesetz der generationellen Kurzsichtigkeit nennt: Jede Generation glaubt, die nächste objektiv zu beurteilen, ohne zu bemerken, dass sie eine Jahrtausende alte Reaktion wiederholt.
Eine Klage, die sich in jeder Epoche wiederholt
Greene ist eindeutig:
Ähnliche Klagen finden sich in allen Kulturen und Epochen.
Es ist keine Besonderheit einer bestimmten Generation, sich von der vorherigen missverstanden zu fühlen, und ebenso wenig, dass die etablierte Generation die nachrückende als unreif, schlecht vorbereitet oder übertrieben empfindlich sieht.
Seine Erklärung ist nicht, dass eine der beiden Seiten recht hat, sondern dass beide unter dem leiden, was er eine „Perspektivenillusion“ nennt: Jede Generation beurteilt, sobald sie Machtpositionen erreicht, die nächste aus einem Wertegerüst heraus, das sie in ihrer eigenen Jugend unbemerkt verinnerlicht hat und für schlicht „so, wie die Dinge sind“ hält.
Was eine Generation wirklich prägt
Laut Greene liegt die entscheidende Phase für diese Perspektive zwischen dem zehnten und dem achtzehnten Lebensjahr, wenn ein Mensch sich der Welt zum ersten Mal bewusst wird und seine zentralen Werte übernimmt, fast immer ohne diesen Prozess analysieren zu können, während er abläuft.
Die Forschung setzt dieses Fenster etwas später an. Die Hypothese der „prägsamen Jahre“ (impressionable years), die Jon Krosnick und Duane Alwin (1989) mit Umfragen überprüften, die dieselben Menschen über Jahre begleiteten, besagt, dass Einstellungen in der Jugend und im frühen Erwachsenenalter am formbarsten sind und sich danach stabilisieren. Greenes Grundidee hält also stand, die genaue Altersspanne weniger.
Was den Charakter einer Generation bestimmt, ist nicht der Kalender, sondern die großen Ereignisse, die in dieses Altersfenster fallen:
- Wer in den 1930er-Jahren volljährig wurde, erlebte die Große Depression und den Beginn des Zweiten Weltkriegs.
- Die Babyboomer wuchsen mit dem Vietnamkrieg und den politischen Skandalen um Watergate auf.
- Die Generation X war Kind während der sexuellen Revolution und Teenager, als es normal wurde, dass beide Eltern außer Haus arbeiteten.
- Die Millennials erlebten den 11. September 2001 und die Finanzkrise von 2008.
Eine Phase, die von einer großen Krise geprägt ist, bringt laut Greene meist Generationen hervor, die Sicherheit, Gemeinschaft und Vorsicht schätzen. Eine Phase der Stabilität bringt eher Generationen hervor, die zu Experimenten, Risiko und sogar Tollkühnheit neigen.
Warum wir die nächste Generation falsch beurteilen
Wenn eine Generation in ihre Zwanziger und Dreißiger kommt, stößt sie mit der zusammen, die schon an der Macht ist. Man hält sie meist für „unreif, unkultiviert, verweichlicht, undiszipliniert, verwöhnt, ungebildet“.
Jahrzehnte später beschreibt dieselbe Generation, nun selbst an der Macht, die nächste meist mit genau denselben Worten.
Greene unterscheidet drei Arten, auf den Geist einer Epoche zu reagieren: diejenigen, die ihn sichtbar anführen und offen mit der Vergangenheit brechen, eine viel größere Gruppe, die dem Trend einfach folgt, ohne sich zu widersetzen, und die Rebellen, die sich dadurch definieren, gegen den Strom zu schwimmen, auch wenn sie laut seiner Analyse ebenso von ihrer Generation geprägt sind wie alle anderen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Was die Psychologie misst: der „Kids these days“-Effekt
John Protzko und Jonathan Schooler von der University of California in Santa Barbara untersuchten diese Klage in fünf präregistrierten Experimenten mit 3.458 Erwachsenen in den USA, veröffentlicht 2019 in Science Advances. Die Teilnehmenden glaubten, dass junge Menschen heute in drei Eigenschaften nachlassen: Respekt vor Älteren, Intelligenz und Freude am Lesen.
Aufschlussreich ist, wer das am stärksten glaubte. Besonders autoritär eingestellte Menschen hielten die Jugend für besonders respektlos, besonders intelligente für besonders wenig intelligent, besonders belesene für besonders lesefaul. Jeder sah den Niedergang genau dort, wo er selbst stark war.
Die Autoren fanden zwei Mechanismen. Erstens bemerken wir die Grenzen anderer vor allem in dem, was wir selbst gut können. Zweitens gibt es eine Gedächtnisverzerrung: Wir übertragen unsere heutigen Eigenschaften auf die jungen Leute unserer Zeit, und wenn wir diese geschönte Erinnerung mit der heutigen Jugend vergleichen, entsteht ein Niedergang, den es nicht gibt. Das würde ihrer Ansicht nach erklären, warum sich die Klage seit Jahrtausenden wiederholt.
Es ist die datengestützte Fassung von Greenes „Perspektivenillusion“.
Zu diesem strengen Urteil über die Jüngeren kommt laut Greene noch etwas hinzu: Neben dem echten Gefühl, dass die Welt schlechter wird, steckt darin oft auch uneingestandener Neid auf die Jugend der anderen und eine stille Trauer um die eigene, zwei Gefühle, die selten laut ausgesprochen werden, wenn sich jemand darüber beklagt, „wie die jungen Leute heute sind“.
Ein Fünfzehnjähriger sieht zu, wie ein König gemacht wird
Greene veranschaulicht diesen Generationenkonflikt mit einer sehr konkreten Episode: der Krönung Ludwigs XVI. in Reims im Juni 1775.
In der Menge vor der Kathedrale stand Georges-Jacques Danton, ein fünfzehnjähriger Schüler, der aus seinem Internat ausgebüxt war, um das Ritual mitzuerleben, mehr vom Abenteuer angezogen als von der Politik. Danton gehörte zu der Generation, die Jahre später die Französische Revolution anführen sollte.
Ludwig XVI. selbst, kaum älter als Danton, verkörperte genau das Gegenteil: einen schüchternen jungen Mann, der Sicherheit suchte, indem er ein jahrhundertealtes monarchisches Ritual exakt nachvollzog, während eine neue Generation vor den Toren der Kathedrale begann, genau dieses Ritual als sinnlose Reliquie zu sehen.
Beide waren fast zur selben Zeit geboren, gehörten aber praktisch zwei verschiedenen Generationen an.
Was das für das Scheitern im Geschäft bedeutet
Eine der konkretesten Folgen, die das Buch dieser generationellen Prägung zuschreibt, ist die Art, wie jede Gruppe berufliches oder unternehmerisches Scheitern deutet.
Greene stellt direkte Fragen, um dieses Muster in der eigenen Generation zu erkennen: Wird das Scheitern eines Geschäfts oder einer Laufbahn als Schande erlebt, die man verbergen muss, oder als natürlicher, sogar wertvoller Teil des Gründens akzeptiert?
Fühlte sich der Einstieg ins Berufsleben wie ein Druck an, sofort Geld zu verdienen, oder wie eine legitime Zeit, um zu erkunden und Risiken einzugehen, bevor man sich später festlegt?
Die Antworten, so Greene, sind weder universell noch allein vom individuellen Charakter bestimmt: Sie sind von den großen wirtschaftlichen Ereignissen geprägt, die die formativen Jahre jeder Generation bestimmt haben.
Was die Daten bestätigen und was nicht
Für das finanzielle Risiko gibt es solide Belege. Ulrike Malmendier und Stefan Nagel (2011) werteten den Survey of Consumer Finances der USA von 1960 bis 2007 aus. Wer im Lauf seines Lebens niedrige Börsenrenditen erlebt hatte, gab eine geringere Bereitschaft zu finanziellem Risiko an, legte weniger in Aktien an und blickte pessimistischer in die Zukunft, selbst wenn man Alter und familiäre Situation berücksichtigte. Jüngere Erfahrungen wogen schwerer, vor allem bei jungen Menschen. In Anspielung auf die Große Depression nannten sie das die „Depression Babies“.
Für Einstellungen im Beruf ist die Evidenz bescheidener. Die Metaanalyse von David Costanza und seinem Team (2012) fasste 20 Studien mit fast 20.000 Menschen aus vier Generationen zusammen und verglich Arbeitszufriedenheit, Bindung an das Unternehmen und Kündigungsabsicht. Die Unterschiede zwischen den Generationen waren insgesamt klein, und ein Teil davon ließ sich eher auf Alter oder Betriebszugehörigkeit zurückführen als auf die Generation.
Unsere Lesart: Was eine Generation in ihrer Jugend erlebt hat, kann Spuren darin hinterlassen, wie sie mit Risiko und Scheitern umgeht, aber Generationenetiketten erklären viel weniger, als die Schlagzeilen nahelegen. Innerhalb jeder Generation gibt es mehr Unterschiede als zwischen den Generationen.
Ganz gleich, in welcher Zeit du geprägt wurdest: Unser Test Was ist mein Unternehmerstil zeigt, wie du heute mit Risiko und Scheitern umgehst, unabhängig von deiner Generation. Wenn du dich am Ende des Spektrums wiedererkennst, das Unsicherheit als Chance sieht, vertieft das Profil Mutig dieses Muster.
Auch der Erziehungsstil wird generationell weitergegeben
Das Buch fügt dieser Analyse eine weitere Ebene hinzu: Der in einer Epoche vorherrschende Erziehungsstil (nachgiebig, kontrollierend, vernachlässigend oder einfühlsam) hinterlässt ebenfalls generationelle Spuren.
Als Beispiel nennt Greene den berühmt nachgiebigen Stil derer, die in den 1890er-Jahren Kinder bekamen, der zu der ungezügelten, sorglosen Haltung beitrug, die man später mit der „verlorenen Generation“ der Zwischenkriegszeit verband.
Über die eigene Epoche hinaussehen
Greenes Schlusspunkt ist nicht, sich damit abzufinden, vom historischen Moment der eigenen Geburt bestimmt zu sein, sondern den Mechanismus klar genug zu erkennen, um nicht mehr nur aus ihm heraus zu handeln.
Zu verstehen, dass die eigene Generation bestimmte Werte geerbt hat, geformt von bestimmten Ereignissen, erlaubt zu unterscheiden, welche dieser Vorstellungen noch nützlich sind und welche einfach ungeprüft übernommen wurden.
Greene schließt diese Überlegung, indem er den zeitlichen Rahmen in beide Richtungen erweitert. Nach hinten erinnert er daran, dass jede Generation Erbin aller bis dahin angesammelten Veränderungen im menschlichen Denken ist, auch derer von Generationen, an die sie sich gar nicht mehr erinnert.
Nach vorn nennt er Gestalten wie Leonardo da Vinci, der einen guten Teil seines Denkens darauf verwandte, sich Fortschritte und Werte vorzustellen, die es zu seiner Zeit noch nicht gab, oder die Philosophin Mary Wollstonecraft, deren Ideen zur Gleichberechtigung ganze Generationen brauchten, um Einfluss zu gewinnen.
Zwischen diesen Beispielen und der angeblichen babylonischen Tafel liegen mehrere Jahrtausende. Die zugrunde liegende Struktur ist laut Greene dieselbe: Jede Generation hält sich für den Endpunkt der Geschichte, obwohl sie in Wirklichkeit nur ein weiteres Glied einer viel längeren Kette ist.
Quellen
- Costanza, D. P., Badger, J. M., Fraser, R. L., Severt, J. B. und Gade, P. A. (2012). Generational differences in work-related attitudes: A meta-analysis. Journal of Business and Psychology, 27(4), 375-394. https://doi.org/10.1007/s10869-012-9259-4
- Greene, R. (2018). The Laws of Human Nature. Viking.
- Krosnick, J. A. und Alwin, D. F. (1989). Aging and susceptibility to attitude change. Journal of Personality and Social Psychology, 57(3), 416-425. https://doi.org/10.1037/0022-3514.57.3.416
- Malmendier, U. und Nagel, S. (2011). Depression babies: Do macroeconomic experiences affect risk taking? Quarterly Journal of Economics, 126(1), 373-416. https://doi.org/10.1093/qje/qjq004
- Protzko, J. und Schooler, J. W. (2019). Kids these days: Why the youth of today seem lacking. Science Advances, 5(10), eaav5916. https://doi.org/10.1126/sciadv.aav5916
Möchtest du mehr über dich erfahren?
Entdecke dein Ergebnis mit einem unserer verwandten Tests.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das 'Gesetz der generationellen Kurzsichtigkeit' nach Robert Greene?
Es ist die in Die Gesetze der menschlichen Natur beschriebene Idee, dass jede Generation die Werte und die Denkweise der Jahre, in denen sie sich formte (etwa zwischen zehn und achtzehn Jahren), als eigene verinnerlicht und dazu neigt, eine Perspektive für objektiv zu halten, die in Wirklichkeit von ihrem historischen Moment geprägt ist.
Welche antike Inschrift zitiert Greene zu Klagen zwischen den Generationen?
Ein Zitat, das einer babylonischen Tafel von etwa 1000 v. Chr. zugeschrieben wird, deren Original nicht belegt werden konnte: 'Die Jugend von heute ist verdorben und schlecht, gottlos und faul. Sie wird nie sein wie die von früher, sie wird unsere Kultur nicht bewahren können.' Greene weist darauf hin, dass vergleichbare Klagen in praktisch allen Kulturen und Epochen auftauchen.
Gibt es die babylonische Tafel über die Jugend wirklich?
Eine Tafel mit diesem Text wurde nie identifiziert. Der Satz kursiert seit Jahrzehnten in Büchern und sozialen Netzwerken, ohne Verweis auf ein Museum, eine Sammlung oder eine veröffentlichte Übersetzung, daher behandelt man ihn besser als apokryph. Die Klage über die Jugend ist als Phänomen dagegen gut dokumentiert: Protzko und Schooler (2019) haben sie in fünf Experimenten untersucht.
Welche prägenden Ereignisse identifiziert das Buch bei verschiedenen Generationen?
Unter anderem: die Große Depression und der Zweite Weltkrieg für jene, die in den 1930er-Jahren volljährig wurden, der Vietnamkrieg und Watergate für die Babyboomer, die sexuelle Revolution und die Normalisierung von Haushalten mit zwei Einkommen für die Generation X sowie der 11. September und die Finanzkrise von 2008 für die Millennials.
Wie beeinflusst die Generation die Sicht auf das Scheitern eines Unternehmens?
Laut dem Rahmen, den Greene vorschlägt, neigt eine Generation, die um eine große Krise herum geprägt wurde, dazu, unternehmerisches Scheitern als Grund zur Scham zu sehen, während eine Generation aus einer Phase der Stabilität oder des Wachstums es eher als normalen Teil des Gründens betrachtet. Die Wirtschaftsforschung stützt einen Teil dieser Idee: Malmendier und Nagel (2011) fanden, dass Menschen, die schlechte Börsenjahre erlebt haben, später weniger finanzielles Risiko eingehen. Metaanalysen zu Arbeitseinstellungen finden dagegen nur kleine Unterschiede zwischen Generationen.