Personaramic
Beziehungen und soziales Leben

Warum sich alle an die Regeln einer Schneeballschlacht halten, obwohl sie nie jemand aufgeschrieben hat

Minimalistische geometrische Illustration zweier Haufen Schneebälle, getrennt durch eine Linie am Boden

Im Dezember 2018 stellte sich ein neunjähriger Junge vor den Gemeinderat von Severance, einem Ort in Colorado, mit einem ernsten Anliegen: In seinem Ort war es verboten, Schneebälle zu werfen.

Schuld war eine Verordnung aus dem Jahr 1920, die das Werfen von Steinen und “Geschossen” innerhalb der Gemeindegrenzen untersagte. Ein Schneeball zählte als Geschoss. Dane Best erfuhr davon bei einem Schulausflug ins Rathaus, bat seine Klassenkameraden, Briefe zu schreiben, und bereitete eine Präsentation vor. Der Gemeinderat stimmte einstimmig für die Aufhebung des Verbots, und der Bürgermeister überließ ihm die Ehre, den ersten legalen Schneeball des Ortes zu werfen.

Die Anekdote taugt für eine nette Schlagzeile, aber dahinter steckt etwas Interessanteres. Dane hat die Vorschrift weder umgangen noch sich bloß über sie beschwert. Er behandelte die Regel als eine Vereinbarung, die man ändern kann, sofern man die anderen auf dem richtigen Weg überzeugt. Und er tat es ungefähr in dem Alter, in dem Kinder laut einer der berühmtesten Studien der Psychologie beginnen, Regeln genau so zu verstehen.

Um zu sehen, warum, muss man an dem Ort beginnen, an dem viele von uns gelernt haben, Regeln einzuhalten, ohne dass ein Erwachsener sie uns vorgab: in einer Schneeballschlacht.

Das Regelwerk, das niemand aufgeschrieben hat

Eine Schneeballschlacht wirkt wie das anarchischste Spiel des Winters. Es gibt keinen Schiedsrichter, kein Spielfeld, keine festen Mannschaften und niemanden, der je ein Regelwerk gelesen hätte. Und doch hat jede Clique ihr eigenes. Es ändert sich von Schulhof zu Schulhof, aber einige Klauseln tauchen immer wieder auf, wenn man Leute fragt, die mitgespielt haben:

  • Kein Eis im Schneeball. Keine Steine.
  • Nicht ins Gesicht.
  • Wer nicht mitspielt, wird nicht beworfen, auch wenn er mitten durchläuft.
  • Wer Waffenstillstand verlangt, mit einer Geste oder einem vereinbarten Wort, ist für einen Moment raus.
  • Es gibt ein “Haus”, einen Baum oder eine Bank, wo man nicht angegriffen werden darf.

Niemand stimmt vor Spielbeginn darüber ab. Oft spricht sie niemand laut aus. Und wer sie bricht, bekommt keine Strafe aufgebrummt, sondern etwas Schlimmeres: den Vorwurf der Gruppe und die Gefahr, morgen niemanden mehr zum Spielen zu haben.

Dass Kinder eigene Regeln untereinander weitergeben, ganz ohne Erwachsene, ist gut belegt. In den 1950er-Jahren sammelten die britischen Volkskundler Iona und Peter Opie Berichte von Schulkindern aus ganz England, Wales und Schottland für ihr Buch The Lore and Language of Schoolchildren (1959). Unter anderem kartierten sie die Wörter, mit denen Kinder beim Spielen Waffenstillstand verlangen. Sie fanden rund 45 verschiedene Formeln, dazu ihre Varianten, über die Regionen verteilt wie Dialekte:

  • barley herrschte im Osten Schottlands und im Lake District vor;
  • fainites in London und im Süden Englands;
  • kings im Osten Englands;
  • crosses in einem Streifen, der von Lincolnshire bis nach Wales reichte;
  • und pax, lateinisch für “Frieden”, war nicht regional, sondern typisch für die Privatschulen.

In England und Wales wurde das Wort fast immer von einer Geste begleitet: gekreuzten Fingern.

Das Schönste ist die Herkunft der Wörter. 1951 veröffentlichten die Opies in der Sunday Times einen Brief über das Wort faynights, und darauf antwortete ihnen brieflich ein Oxford-Professor, der gerade mit einer Stelle bei Chaucer feststeckte: J. R. R. Tolkien. Er erklärte ihnen, dass fains und fainites Überbleibsel aus dem mittelalterlichen Englisch des 14. Jahrhunderts seien, verwandt mit dem altfranzösischen se feindre, “sich entschuldigen, im Kampf zurückweichen”. Die Opies zitierten den Brief in ihrem Buch. Das heißt: Britische Kinder der 1950er-Jahre verlangten Waffenstillstand noch mit einer Formel, die ein mittelalterlicher Ritter verstanden hätte, ohne dass ein Erwachsener sie ihnen beigebracht hatte.

Das ist der erste Hinweis: Die Regeln von Kinderspielen werden von Kind zu Kind weitergegeben und können Jahrhunderte überdauern. Bleiben drei Fragen. Warum werden sie respektiert? Warum gerade diese? Und warum werden sie ohne Polizei befolgt?

Piaget stellte sich mit ein paar Murmeln dumm

Der Schweizer Psychologe Jean Piaget wollte verstehen, wie bei Kindern die Achtung vor Normen entsteht. Sie zu erfundenen Geschichten zu befragen, schien ihm wenig verlässlich. Also wählte er ein Gebiet, auf dem die Kinder selbst die Regeln schaffen und weitergeben, ganz ohne Erwachsene: das Murmelspiel.

Seine Methode war fast schon Theater. Er legte ein paar Murmeln und ein Stück Kreide auf den Tisch und sagte dem Kind ungefähr: “Du musst mir zeigen, wie man spielt. Als ich klein war, habe ich viel gespielt, aber jetzt habe ich es vergessen.” Dann spielte er mit, machte absichtlich Fehler, damit das Kind ihn korrigierte, und ließ es sich überlegen fühlen. Das funktionierte so gut, dass manche ihn schließlich wie ihresgleichen behandelten: Ein Zehnjähriger, Ben, rief ihm zu, er sei raus, als seine Murmel im Quadrat liegen blieb.

Auf diese Weise befragte er rund 20 Jungen zwischen 4 und 13 Jahren aus einfachen Vierteln von Genf und Neuchâtel. Im zweiten Teil des Gesprächs kam die entscheidende Frage: Er bat das Kind, eine neue Regel zu erfinden, und fragte anschließend, ob sie eine “echte” Regel werden könne, genauso gerecht wie die alten.

Er veröffentlichte das 1932 in Das moralische Urteil beim Kinde, und die Antworten waren überraschend.

Drei Arten, eine Regel zu verstehen

Piaget beschrieb eine Entwicklung im Verständnis von Normen, die sich, vereinfacht, in drei Phasen gliedert.

Zuerst die Regel als Gewohnheit. Die Kleinsten spielen auf ihre eigene Weise und wiederholen Handgriffe, weil sie ihnen gefallen, nicht weil sie müssen.

Dann die Regel als etwas Heiliges. Bis etwa 9 oder 10 Jahre erscheinen Regeln unantastbar, von Erwachsenen erfunden und ewig. Jede Änderung klingt nach Schummelei. Die Gespräche aus dieser Phase gehören zum Vergnüglichsten im ganzen Buch:

  • Fal, 5 Jahre, versicherte, die Murmeln habe sein Vater erfunden. Als Piaget fragte, ob nicht sein Großvater, der ja älter sei, schon vorher gespielt habe, räumte Fal das ein, fügte aber felsenfest hinzu: “Aber nicht mit Regeln!” Und auf die Frage, wer der älteste Mensch in Neuchâtel sei, antwortete er: “Gott”.
  • Geo, 6 Jahre, erklärte, das Spiel hätten “die Herren vom Rathaus” erfunden. Piaget bat ihn, eine Variante zu erfinden, und Geo schlug ein Quadrat mit drei Reihen zu je drei Murmeln vor. Kannten die Herren vom Rathaus das schon? Ja, sagte Geo. Und wie war er darauf gekommen? “Einfach so. Der liebe Gott hat es mir gesagt.” Als Piaget ihm erzählte, er habe mit den Herren vom Rathaus gesprochen und sie kennten sein Spiel nicht, war Geo ratlos.

Piaget deutete diese Antworten mit großem Feingefühl: In diesem Alter verschwimmen Erfinden und Erinnern. Ein kleines Kind akzeptiert eine neue Regel nur, weil es glaubt, dass es sie schon gab. Dass eine Regel aus ihm selbst entstehen könnte, geht ihm nicht in den Kopf.

Schließlich die Regel als Vereinbarung. Um das 10. Lebensjahr, und deutlich mit 12 oder 13, wird die Regel zu einem Gesetz der gegenseitigen Zustimmung: Man muss sie respektieren, wenn man fair spielen will, aber man kann sie ändern, wenn man die anderen dafür gewinnt. Piaget fasste das in einem einprägsamen Satz zusammen: “Die Demokratie folgt auf die Theokratie und die Gerontokratie.” Ein älterer Junge, Gros, drückte es weniger feierlich aus: Wenn jemand eine Änderung vorschlägt, “wollen manche und andere nicht; wenn die Jungs so spielen, musst du spielen wie sie”.

Das Paradox, mit dem Piaget nicht gerechnet hatte

Hier liegt das Merkwürdigste an der Studie. Die Kleinen, die die Regeln als heilig verehrten, hielten sie miserabel ein: Jeder spielte auf seine Art, und zwei Sieben- oder Achtjährige aus derselben Klasse gaben widersprüchliche Versionen desselben Spiels wieder. Die Älteren, die längst wussten, dass Regeln menschliche Erfindungen sind und geändert werden können, befolgten sie viel strenger und hatten sogar Freude daran, Einzelheiten zu diskutieren wie kleine Juristen.

Anders gesagt: Wir respektieren Regeln, die wir als unsere eigenen empfinden, mehr als solche, die uns von oben auferlegt werden. Piaget formulierte es so: Autonomie führt sicherer zur Achtung vor Normen als Heteronomie, der Gehorsam gegenüber einem fremden Gesetz.

Das ist das Geheimnis der Schneeballschlacht. Kein Erwachsener hat je verboten, ins Gesicht zu werfen. Die Regel wird von den Spielern selbst getragen, und deshalb wird sie eingehalten.

Eine Anmerkung zu den Mädchen und zu Piaget

Piaget untersuchte auch Mädchen, und zwar mit einem sehr einfachen Fang- und Versteckspiel namens ilet cachant. Sein Schluss, geschrieben mit der Selbstsicherheit seiner Zeit, lautete, “der juristische Sinn ist bei Mädchen weit weniger entwickelt als bei Jungen”. Er beobachtete zum Beispiel, dass die Mädchen beim Himmel-und-Hölle-Hüpfen ihren Einfallsreichtum darauf verwendeten, neue Figuren auf den Boden zu zeichnen, als Spirale, als Kreis oder in Form eines Ofenrohrs, statt das Regelwerk zu verfeinern. Aber er fand bei ihnen auch denselben Weg: zuerst eine fast mystische Achtung vor der Norm und dann die Norm als Vereinbarung. Er beschrieb sie als “äußerst tolerant” gegenüber Neuerungen.

Ein halbes Jahrhundert später legte die Psychologin Carol Gilligan in Die andere Stimme (1982) den Finger in die Wunde. Sie griff eine Studie der Soziologin Janet Lever auf, in der die Jungen beim Spielen ständig stritten, ein Spiel aber nie wegen eines Streits abbrachen, während bei den Mädchen Streitigkeiten das Spiel meist beendeten. Gilligan vertrat die Ansicht, dass dies keine “unvollständige” moralische Entwicklung zeige, sondern eine andere Priorität: die Beziehung zu schützen, statt den Streit zu gewinnen. Diese Unterscheidung lohnt es sich zu merken, wenn es weiter unten um Konfliktstile geht.

Schelling: warum “nicht ins Gesicht” und nicht “nur ein bisschen ins Gesicht”

Piaget erklärt, warum Regeln respektiert werden. Aber warum gerade diese? Warum schlägt niemand “nur ein bisschen Eis” vor oder “ins Gesicht, aber sanft”?

Die Antwort kam von einem Ökonomen, der über echte Kriege nachdachte. Mitte der 1950er-Jahre untersuchte Thomas Schelling, der 2005 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten sollte, wie sich zwei Menschen einigen, die nicht miteinander sprechen können. Er legte einer kleinen Gruppe von etwa 40 Menschen aus New Haven eine Reihe von Aufgaben vor. Eine davon lautete: Du musst dich in New York mit jemandem treffen, ihr wisst weder wo noch wann, und ihr könnt euch nicht verständigen. Die absolute Mehrheit wählte den Informationsschalter der Grand Central Station, und fast alle trafen auch die Uhrzeit: zwölf Uhr mittags. Es ist nicht der beste Ort der Stadt, aber der, der “ins Auge springt”. Heute nennt man das einen Fokuspunkt oder Schelling-Punkt.

Eine andere Aufgabe war noch aufschlussreicher. Zwei Personen erhielten dieselbe Karte und sollten das Gebiet aufteilen, ohne miteinander zu sprechen: Stimmten ihre beiden Grenzen überein, gewannen beide. Die meisten zogen die Grenze entlang eines Flusses. Interessant ist, was mit denen geschah, die den Fluss mieden: Die 15, die ihn nicht nutzten, zeichneten 14 verschiedene Grenzen. Schelling rechnete nach: Unter allen Paaren, die sich aus ihnen bilden ließen, stimmte nur eines überein.

Schelling veröffentlichte diese Ergebnisse 1957 und übertrug sie auf den begrenzten Krieg. Sein berühmtestes Beispiel ist Giftgas, das auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs nicht eingesetzt wurde, dank einer weitgehend stillschweigenden Übereinkunft. Er schrieb:

“‘Ein bisschen Gas’ wirft schwierige Fragen auf: wie viel, wo, unter welchen Umständen. ‘Kein Gas’ ist einfach und unmissverständlich.”

Und er zog daraus einen allgemeinen Schluss: Stillschweigende Vereinbarungen brauchen Bedingungen, die sich qualitativ von den Alternativen unterscheiden; sie dürfen keine bloße Frage des Grades sein. Wer eine solche Linie verteidigt, braucht nur ein Argument, das Schelling in einer Frage zusammenfasste: “Wenn nicht hier, wo dann?”

Jetzt zurück auf den verschneiten Schulhof. Die Regeln einer Schneeballschlacht sind allesamt klare Linien:

  • “Kein Eis” lässt sich überprüfen, über “wenig Eis” lässt sich endlos streiten.
  • “Nicht ins Gesicht” bezeichnet eine eindeutige Körperzone, “sanft ins Gesicht” hängt davon ab, wer urteilt.
  • Waffenstillstand verlangt man mit einem Wort oder einer Geste, die man schon von Weitem hört oder sieht.
  • Das “Haus” ist ein Baum, eine Bank oder ein Hauseingang: der Fluss auf Schellings Karte, in der Version für den Park.

Keine dieser Regeln ist die einzig vernünftige. Es sind die, die jeder erraten kann, ohne zu fragen. Das ist unsere Lesart, nicht etwas, das Schelling über Schnee geschrieben hätte, aber sie passt Punkt für Punkt zu seinen Daten.

Warum sie ohne Schiedsrichter eingehalten werden: Morgen schneit es auch

Ein Baustein fehlt noch. Zu wissen, was die Regel ist, garantiert nicht, dass niemand sie bricht. Was sie trägt, ist, dass das Spiel heute nicht zu Ende ist.

Es ist dieselbe Logik wie beim Gefangenendilemma, wenn es viele Male gespielt wird. Der Politikwissenschaftler Robert Axelrod nannte das “den Schatten der Zukunft”: Wir kooperieren mehr, wenn wir wissen, dass wir dem anderen wieder begegnen werden. Das Kind, das einen Stein in den Schneeball packt, gewinnt vielleicht eine Runde, aber morgen will niemand mehr mit ihm spielen. Und wenn dich jemand versehentlich im Gesicht trifft, stellt meist nicht die totale Rache den Frieden wieder her, sondern etwas sehr Ähnliches wie das, was der Artikel über Auge um Auge und warum man nur neun von zehn Schlägen zurückgeben sollte beschreibt: reagieren, aber ein wenig verzeihen.

Die fünf Regeln, eine nach der anderen

Fügt man die Bausteine zusammen, stützt sich jede Regel des Schulhofs auf einen oder mehrere dieser Mechanismen. Die Tabelle ist unsere eigene Zusammenfassung und soll das Ganze auf einen Blick zeigen:

RegelWas die Einigung leicht machtWas sie am Leben hält
Kein Eis, keine SteineEin Ja oder Nein, ohne Abstufungen (Schelling)Wer sie bricht, hat morgen keine Mitspieler mehr (Axelrod)
Nicht ins GesichtEine Körperzone, die alle erkennen (Schelling)Die Gruppe empfindet sie als ihre eigene (Piaget)
Nicht auf UnbeteiligteTrennt klar, wer drin ist und wer draußenDer Vorwurf der anderen Spieler
Waffenstillstand verlangenEin überliefertes Wort oder eine Geste (die Opies)Die Tradition: Man lernt sie von den Älteren auf dem Schulhof
Das “Haus”Ein Punkt im Gelände, der heraussticht, wie der Fluss (Schelling)Wird bei Bedarf im Konsens neu ausgehandelt (Piaget)

Wenn die Regeln aufgeschrieben werden: Yukigassen

Was passiert, wenn eine Schneeballschlacht Piagets letzte Stufe erreicht, die der ausführlichen Regelwerke, die alle kennen? Die Antwort gibt es, und sie heißt Yukigassen (japanisch für “Schneeschlacht”).

1989 suchte die Gemeinde Sōbetsu auf Hokkaido nach einem Weg, im Winter Touristen anzulocken, und machte aus der Schneeballschlacht einen Sport mit Regelwerk. Heute gibt es einen internationalen Verband und Wettkämpfe in Ländern wie Finnland, Norwegen oder Kanada. Die wichtigsten Regeln:

  • Teams aus sieben Spielern, dazu zwei Ersatzspieler und ein Trainer.
  • Spiele über drei Sätze zu je drei Minuten; wer zwei gewinnt, siegt.
  • 90 Schneebälle pro Team und Satz, vor Spielbeginn vorbereitet.
  • Wer getroffen wird, scheidet aus. Gewonnen hat, wer das gesamte gegnerische Team ausschaltet oder dessen Fahne erobert.

Achte auf die dritte Regel. Auf dem Schulhof hängt “kein Eis” vom Vertrauen in den anderen ab. Beim Yukigassen verschwindet das Problem durch die Gestaltung: Niemand stellt während des Spiels Munition her, also kann auch niemand etwas hineinpacken. Was auf dem Schulhof ein Versprechen war, wird zu einem Verfahren. Auch das ist unsere Lesart, aber es erinnert an das, was Piaget bei den Zwölf- und Dreizehnjährigen sah, für die allein das Verfahren verbindlich war: Über jede Meinung ließ sich streiten, den vorgesehenen Weg zu umgehen aber ging nicht.

Wenn andere die Regel schreiben: zurück nach Severance

Und damit sind wir wieder bei Dane Best. Die Verordnung von Severance hatten nicht die Kinder geschrieben, die Schneebälle warfen, sondern Erwachsene im Jahr 1920, die an Steine dachten. Es war eine Regel aus Piagets zweiter Stufe: von oben auferlegt, ererbt und dem Anschein nach unantastbar.

Was Dane tat, ähnelt sehr der dritten. Piaget schrieb, dass ältere Jungen jede Regeländerung akzeptieren, sofern sie auf legitimem Weg zustande kommt: indem man zuerst die anderen überzeugt und die Entscheidung der Mehrheit im Voraus anerkennt. Dane warf keine Schneebälle heimlich. Er sammelte Unterstützung, legte Argumente vor und stellte sich einer Abstimmung. Er war neun Jahre alt.

Welche Rolle du spielst, wenn jemand ruft: “Da war Eis drin!”

Jede Schneeballschlacht hat einen kritischen Moment: den Streit. Jemand beschuldigt, jemand verteidigt sich, und das Spiel kann weitergehen oder zerbrechen. Was jeder Einzelne in diesem Moment tut, ähnelt den fünf Stilen im Umgang mit Konflikten, die Kenneth Thomas und Ralph Kilmann 1974 beschrieben haben, indem sie zwei Dimensionen kombinierten: wie sehr du deine eigenen Anliegen vertrittst und wie sehr du auf die des anderen eingehst. Das ist eine Art, sie zu veranschaulichen, keine wissenschaftliche Einteilung von Spielern, und keiner ist besser als die anderen:

  • Konkurrierender Stil. Verteidigt den eigenen Wurf entschlossen und will klären, wer recht hat. Ohne jemanden mit dieser Haltung verwässern die Regeln leicht.
  • Kollaborativer Stil. Schlägt etwas vor, das allen dient: “Ab jetzt werden die Bälle nur noch mit Schnee von diesem Haufen gemacht.” Das ist Piagets kleiner Gesetzgeber in Aktion.
  • Kompromissorientierter Stil. “Gut, der zählt nicht, und wir machen weiter.” Eine schnelle Einigung ist ihm lieber als ein langes Verfahren, und so geht das Spiel weiter.
  • Anpassender Stil. Gibt nach, auch wenn er glaubt, im Recht zu sein, weil ihm wichtiger ist, dass die Gruppe weiterspielt, als den Streit zu gewinnen. Das ist die Priorität, die Gilligan verteidigte.
  • Vermeidender Stil. Hält sich heraus, formt weiter Schneebälle oder verstärkt die Festung und kommt zurück, wenn sich die Stimmung beruhigt hat. Manchmal hilft es am meisten, die Dinge abkühlen zu lassen.

Wenn du wissen möchtest, welchen Stil du meist nutzt, geht der Test Wie gehe ich mit Konflikten um? dem anhand alltäglicher Situationen nach. Und wenn du lieber sehen willst, wie du kooperierst, wenn etwas auf dem Spiel steht, kannst du Gefangenendilemma spielen: Kooperierst du oder verrätst du? ausprobieren.

Was in einen Schneeball passt

Aus der Nähe betrachtet ist das chaotischste Spiel des Winters eine kleine Abhandlung über Sozialwissenschaften. Sie enthält Piagets These: Regeln, die wir als unsere eigenen empfinden, befolgen wir besser. Sie enthält die von Schelling: Wortlose Vereinbarungen stützen sich auf Linien, die alle sehen können. Sie enthält die von Axelrod: Kooperation hält, weil wir morgen wieder spielen. Und sie enthält die Entdeckung der Opies: Diese Regeln wandern von Kind zu Kind, manchmal über Jahrhunderte.

Wenn du das nächste Mal eine Gruppe Kinder siehst, die abrupt innehält, weil jemand Waffenstillstand verlangt hat, schau genau hin. Niemand hat ihnen das im Unterricht beigebracht, und kein Erwachsener passt auf. Sie tun dasselbe wie Dane Best vor dem Gemeinderat seines Ortes: Sie einigen sich darauf, wie man zusammenlebt, während sie weiterspielen.

Quellen

  • Axelrod, R. (1984). The Evolution of Cooperation. Basic Books.
  • Gilligan, C. (1982). In a Different Voice: Psychological Theory and Women’s Development. Harvard University Press.
  • Japan Yukigassen Federation. Learn More About Sports Yukigassen®. jyf.or.jp.
  • Lever, J. (1976). Sex differences in the games children play. Social Problems, 23(4), 478-487.
  • NPR (4. Dezember 2018). Snowball Ban Overturned In Colorado Town After Request From 9-Year-Old Boy.
  • Opie, I. und Opie, P. (1959). The Lore and Language of Schoolchildren. Oxford University Press.
  • Piaget, J. (1932). Le jugement moral chez l’enfant. Félix Alcan. Englische Ausgabe: The Moral Judgment of the Child, Kegan Paul.
  • Schelling, T. C. (1957). Bargaining, communication, and limited war. Journal of Conflict Resolution, 1(1), 19-36.
  • Schelling, T. C. (1960). The Strategy of Conflict. Harvard University Press.
  • Thomas, K. W. und Kilmann, R. H. (1974). Thomas-Kilmann Conflict Mode Instrument. Xicom.
  • Tolkien, J. R. R. (1951). Brief an Iona und Peter Opie, 25. November. Bodleian Library, MS. Opie 71.

Möchtest du mehr über dich erfahren?

Entdecke dein Ergebnis mit einem unserer verwandten Tests.

Häufig gestellte Fragen

Was untersuchte Piaget mit dem Murmelspiel?

In Das moralische Urteil beim Kinde (1932) befragte Jean Piaget etwa 20 Kinder zwischen 4 und 13 Jahren. Er tat so, als könne er nicht Murmeln spielen, und bat sie, es ihm beizubringen. Er wollte sehen, wie Kinder Regeln verstehen. Er beobachtete, dass die Kleinen sie für heilig, von Erwachsenen erfunden und ewig halten, während sie um das 10. Lebensjahr herum beginnen, sie als Vereinbarung zwischen den Spielern zu sehen, die man ändern kann, wenn die Gruppe zustimmt.

Was ist ein Fokuspunkt oder Schelling-Punkt?

Es ist die Lösung, auf die sich zwei Menschen einigen, ohne miteinander gesprochen zu haben, weil sie unter allen anderen hervorsticht. Thomas Schelling untersuchte das in den 1950er-Jahren mit einer kleinen Gruppe von Menschen aus New Haven: Als er sie fragte, wo und wann sie sich in New York mit jemandem treffen würden, mit dem sie nicht sprechen könnten, wählte die absolute Mehrheit den Informationsschalter der Grand Central Station und fast alle zwölf Uhr mittags.

Woher kommen die Wörter, mit denen Kinder beim Spielen Waffenstillstand verlangen?

In Großbritannien verzeichneten Iona und Peter Opie in den 1950er-Jahren rund 45 kindliche Formeln für den Waffenstillstand, etwa barley, fainites, kings oder crosses, jede typisch für eine bestimmte Region und fast immer begleitet von gekreuzten Fingern. J. R. R. Tolkien erklärte ihnen 1951 in einem Brief, dass fains und fainites Überbleibsel aus dem Englisch des 14. Jahrhunderts seien.

Was ist Yukigassen?

Es ist die sportliche Form der Schneeballschlacht. Sie entstand 1989 in Sōbetsu auf der japanischen Insel Hokkaido, um im Winter Touristen anzulocken. Gespielt wird in Teams zu je sieben, über drei Sätze von drei Minuten und mit 90 Schneebällen pro Team und Satz, die vor Beginn vorbereitet werden. Gewonnen hat, wer alle Gegner ausschaltet oder ihre Fahne erobert.

Stimmt es, dass ein Kind Schneebälle in einer Gemeinde legalisieren ließ?

Ja. Im Dezember 2018 hob die Gemeinde Severance in Colorado einstimmig eine Verordnung von 1920 auf, die das Werfen von 'Geschossen' verbot und damit auch Schneebälle erfasste. Den Anstoß gab Dane Best, ein neunjähriger Junge, der Briefe seiner Klassenkameraden sammelte und seine Argumente vor dem Gemeinderat vortrug.

Sagt dieser Artikel, welcher Konfliktstil der beste ist?

Nein. Er verknüpft die fünf Stile aus dem Modell von Thomas und Kilmann mit Situationen aus einem Spiel, um sie zu veranschaulichen. Das ist eine Orientierungshilfe, kein wissenschaftlicher Befund: Jeder Stil passt in manchen Momenten besser als in anderen, und keiner ist allgemein überlegen.